Unbekannter Nachbar: Polen im Licht

06.05.2026

von Knut Abraham MdB


Wer heute durch Polen reist, sieht ein modernes, gut organisiertes Land in der Mitte Europas mit einer beeindruckenden Infrastruktur. Der Vizepräsident der Paneuropa-Union Deutschland und brandenburgische Bundestagsabgeordnete Knut Abraham schildert ein Nachbarland von großer bilateraler und europäischer Bedeutung. Schon in der kommunistischen Zeit bereiste er Polen als Aktivist der Paneuropa-Jugend zur Unterstützung der Freiheitsbewegung Solidarność, war später Gesandter an der Deutschen Botschaft in Warschau und ist seit 2025 Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-polnische zivilgesellschaftliche und grenznahe Zu-sammenarbeit. Der Artikel stellt seine persönliche Ansicht dar.

Knut Abraham MdB, Vizepräsident der Paneuropa-Union Deutschland
Knut Abraham MdB, Vizepräsident der Paneuropa-Union Deutschland © PD-Archiv

Polen erlebt ein bereits 35 Jahre lang andauerndes Wirtschaftswunder. Nichts ist geblieben von dem Grau des real existierenden Sozialismus, in den das Land von seinen sowjetischen Besatzern nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg gezwungen worden war. Gerade wer sich noch an die dramatischen Versorgungsmängel der achtziger Jahre erinnert, als Polen unter dem Kriegsrecht lag, erkennt, was für Erfolge das Land sich erarbeitet hat. Polen steht heute im Licht.

Unter den Volkswirtschaften der Welt liegt es auf einem bemerkenswerten zwanzigsten Platz. Für Deutschland ist der Nachbar zwischen Oder und Bug der fünftgrößte Wirtschaftspartner. Die ökonomischen Strukturen sind ähnlich, mit moderner Industrie und innovativem Mittelstand. In Kürze wird Polen Frankreich auf Platz vier ablösen. Experten rechnen damit, daß das Land in fünf Jahren den Lebensstandard Großbritanniens erreicht haben wird. Seit 1991 erfreut es sich eines steten Wirtschaftswachstums.

Grundlage für den Erfolg ist die enge Einbettung Polens in die europäischen Strukturen, vor allem seit seinem Beitritt zur Europäischen Union im Jahre 2004. Denn damit ist die Stabilität eines festen politischen Rahmens gegeben, innerhalb dessen sich die Wirtschaft und die Gesellschaft entfalten können. Dies ist für Polen entscheidend. Es hat heute die Sicherheit, die es seit den Teilungen des Landes im 18. Jahrhundert und dem damit einhergehenden Verschwinden von den Landkarten, aber auch nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1918 nicht kannte. Polen ist nicht mehr allein aggressiven Nachbarn ausgeliefert. Die Zustimmung zur Mitgliedschaft in der Europäischen Union liegt immer bei über 80 Prozent. Polen fühlt sich in der EU, verbunden mit der Zugehörigkeit zur NATO seit 1999, sicher. 

Führender Faktor
in Mitteleuropa

Aus dieser Position heraus konnte auch die heute deutlich sichtbare polnische Außenpolitik entwickelt werden, die das Land zu einem führenden Faktor in Mitteleuropa macht. Polen betreibt heute eine aktive Ostsee-Politik – gemeinsam mit den Nordischen Staaten und den drei Republiken des Baltikums. Strategisch hat Warschau den Raum zwischen den drei Meeren – der Ostsee, dem Schwarzen Meer und der Adria – im Blick und spielt in der sogenannten „Drei-Meeres-Initiative“ eine Schlüsselrolle. Zentral ist aber seine Unterstützung für die Ukraine in ihrem Kampf gegen den russischen Aggressor. Im Gegensatz zu Westeuropa, wo der Krieg Putins gegen das Nachbarvolk als weit entfernt angesehen wird, ohne wirkliche Bedeutung für das eigene Land, weiß man in Polen, daß die Ukrainer für die Freiheit ganz Europas kämpfen. 

Nicht einfach, aber besonders relevant ist das deutsch-polnische politische Verhältnis: eine Nachbarschaft von 1000 Jahren – mit vielen Gemeinsamkeiten, fruchtbaren Zeiten, aber auch mit dem Abgrund des deutschen Angriffskrieges von 1939, der darauf folgenden brutalen Besatzung sowie dem Terrorregime, das von den Nationalsozialisten in Polen errichtet wurde und Millionen Opfer kostete. Die Spuren sind tief und überschatten zuweilen die im Grunde sehr guten Beziehungen. Die Kenntnis der Geschichte, aber auch der Geographie ist deshalb von zentraler Bedeutung. Polnische Geschichte ist vielen in Deutschland unbekannt. Oft gilt das auch für die eigene deutsche Geschichte. Genau an dieser Stelle setzen die vier Bände des gemeinsam erarbeiteten deutsch-polnischen Geschichtsbuchs an. Ein großartiges Projekt, das an Beachtung und Verwendung noch gewinnen kann. 

Der Alltag der bilateralen Beziehungen ist von vielfältigsten Arbeiten auf allen Ebenen geprägt. Am deutlichsten sichtbar sind die regelmäßigen, meist jährlich stattfindenden deutsch-polnischen Regierungskonsultationen, also eine Art gemeinsame Sitzung beider Kabinette –  ein schönes Symbol von enger, partnerschaftlicher Zusammenarbeit. So waren auch die jüngsten deutsch-polnischen Regierungskonsultationen in Berlin ausgesprochen erfolgreich und haben den Beziehungen einen durchaus notwendigen, guten, kräftigen Impuls gegeben.

Eine gemeinsame Erklärung legt fest, womit sich beide Regierungen im Nachgang dieser Konsultationen befassen werden. Hierbei sind konkrete Ziele und Vorhaben definiert und für drei große Bereiche vereinbart: Sicherheit und Verteidigung, Konnektivität, Wirtschaft und Energie sowie Erinnerung.
Die Regierungskonsultationen waren ein klares Bekenntnis zu enger Partnerschaft, und sie geben damit ein Signal in beide Länder: Es lohnt sich, sich für ein gutes deutsch-polnisches Verhältnis zu engagieren. Zwischen Deutschland und Polen existieren hunderte Städtepartnerschaften, Partnerschaften von Landkreisen, Schulen, Chören, Kirchen und ein enges Netz von persönlichen und familiären Verbindungen. 

Eine ganz besonders wichtige Rolle spielen auch die deutsche Minderheit in Polen und die Organisationen der Auslandspolen, der „Polonia“, in Deutschland. Beide Gruppen sind geborene Brückenbauer. Nicht zufällig stammen aus deren Reihen seit Jahrzehnten viele der in der Paneuropa-Arbeit Aktiven. Denn sie wissen um die Bedeutung der europäischen Dimension bei der Überwindung des Nationalismus.

Das deutsch-polnische Verhältnis hat sich seit Unterzeichnung des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrags vor genau 35 Jahren erheblich verändert. Die Bürger beider Länder sind unterwegs, gewöhnt an ein offenes Europa mit großer Reisefreiheit, Wohlstand und demokratische Freiheiten. Die Situation von vor 1989, die Spaltung Europas, ist für die meisten Erinnerung, für junge Menschen eine weit entfernte Geschichte.

Für polnische Bürger hat Deutschland heute schon nicht mehr die starke persönliche wirtschaftliche Bedeutung wie vor 35 Jahren. Ein wichtiger Indikator dafür ist, daß inzwischen mehr polnische Bürger aus Deutschland zurück nach Polen ziehen, als aus Polen nach Deutschland kommen. Leider wird auch das Interesse am Erlernen der deutschen Sprache geringer, weil Deutschland als Wirtschaftsstandort als inzwischen weniger attraktiv gilt.

Deutsche – wenn sie zu den 33 Prozent der deutschen Bevölkerung gehören, die schon in Polen gewesen sind – sind meist begeistert. Das Interesse an Polnischunterricht bildet dies jedoch leider noch nicht ab. Hier muß mehr geschehen, vor allem in den grenznahen Bereichen, in den Ländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen. Nicht nur aus Idealismus: Die Wirtschaftsbeziehungen sind eng. Polnische Kunden und polnische Touristen spielen in Deutschland, besonders in den östlichen Bundesländern, eine immer wichtiger werdende Rolle.

In den zunehmend dichter verzahnten Grenzgebieten sind Kontakte vielfältig und intensiv, aber auch hier gibt es noch großes Potential im Abbau von weiterhin bestehenden Hürden für gemeinsame Projekte und beim Ausbau der Verkehrsverbindungen, vor allem bei der Bahn. Dies gilt nicht nur für den Personenverkehr, sondern auch für den Gütertransport und die Gewährleistung von militärisch nutzbaren Schienenkorridoren. 
Von besonderer Bedeutung sind die deutsch-polnischen Verflechtungsräume entlang der Grenze an Oder und Neiße. Was hier in den vergangenen 35 Jahren entstanden ist, ist wirklich beeindruckend. Von der Metropolplanung der Großstadt Stettin, die heute von Greifswald auf deutscher Seite bis kurz vor Danzig auf polnischer Seite konzipiert wird, bis zu den Euro-Regionen Pommerania, Viadrina, Spree-Bober-Neiße sowie Neiße-Nisa-Nysa, die eine wichtige Rolle bei vielen praktischen Verwaltungsfragen und kulturellen Ereignissen spielen. Für das Funktionieren der Verflechtungsräume ist der freie Fluß des Grenzverkehrs von entscheidender Bedeutung. Temporär erforderliche Grenzkontrollen sollten so gestaltet sein, daß der Verkehr nicht behindert wird.

Insgesamt sind es also gute Voraussetzungen für eine intensive Zusammenarbeit, die umso besser gelingt, je näher sich die Gesellschaften kommen, je mehr Interesse und gegenseitiges Verständnis sie füreinander aufbringen. In Zeiten, in denen Nationalisten ihr Unwesen treiben, in denen Desinformation und Fake News den gesunden Menschenverstand vieler Bürger vernebeln, sind direkte Begegnungen, Gespräche und gemeinsame Projekte wichtiger denn je. Das „Deutsch-Polnische Barometer 2025“ zeigt, daß jahrelange Desinformation und Instrumentalisierung von Ressentiments wirken. Das Deutschlandbild der in Polen Befragten beispielsweise ist so schlecht wie nie zuvor. Dem stehen die vielfältigen Verbindungen der beiden Gesellschaften gegenüber. Aus den Partnerschaften erheben sich immer wieder Stimmen, die sich aus der Erfahrung der guten Nachbarbarschaft und Freundschaft gegen Nationalismus wehren – in Polen wie auch in Deutschland. 

Eine enorm wichtige Rolle spielt das Thema Erinnerung. Deshalb wird besonders die Schaffung eines Denkmals für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs in der gemeinsamen Erklärung der jüngsten Regierungskonsultationen hervorgehoben. Auch der Deutsche Bundestag hat sich deutlich zu dem Denkmal und zu dem Projekt eines deutsch-polnischen Hauses im Zentrum von Berlin bekannt. Der Ort für das Denkmal steht nunmehr fest. Es ist das Gelände, auf dem einst die Kroll-Oper stand –  im Tiergarten, im Herzen des Regierungsviertels, direkt neben dem Kanzleramt. In der Kroll-Oper war der von den Nationalsozialisten gleichgeschaltete Reichstag zusammengekommen, um am 1. September Hitlers bösartige Rede zum Überfall auf Polen zu hören. Schon heute steht an der Stelle ein vorläufiges Denkmal für die Opfer Polens durch Krieg und Besatzungsherrschaft.

Maßstäbe setzten auch die vielen Veranstaltungen zum Gedenken an den Briefwechsel der polnischen und der deutschen Bischöfe vor 60 Jahren. In dem Schreiben der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder standen die wunderbaren und damals besonders mutigen Worte: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. 

Heute sind die Voraussetzungen für eine echte deutsch-polnische Vernetzung hervorragend: Kaum zwei andere Länder verfügen über ein so großartiges Geflecht von bilateralen Institutionen wie Polen und Deutschland. Die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, das Deutsch-Polnische Jugendwerk, die Deutsch-Polnische Wissenschaftsstiftung, die Europauniversität Viadrina in Frankfurt an der Oder und die Internationale Jugendbildungsstätte im niederschlesischen Kreisau, um nur einige Beispiele zu nennen, ermöglichen eine immer bessere Kooperation. Fast alle von ihnen wurden ebenfalls vor 35 Jahren gegründet – als Ergebnis des Nachbarschaftsvertrags. Heute stehen sie vor neuen Herausforderungen, sie müssen neue Zielgruppen erschließen, weiterhin Interesse für Austausch und Begegnungen wecken und Themen finden, die die beiden Gesellschaften interessieren und bewegen. Die vielen deutsch-polnischen und polnisch-deutschen Vereine leisten einen herausragenden Beitrag zur so wichtigen Vernetzung.

Das Jubiläum „35 Jahre Nachbarschaftsvertrag“ wird am 17. Juni 2026, dem genauen Jahrestag der Unterzeichnung, mit einem großen deutsch-polnischen Forum im Auswärtigen Amt in Berlin gefeiert werden – einem Treffen vieler deutsch-polnischer Initiativen. Und für alle, die sich außerhalb bestehender Kontakte in Polen für Deutschland und in Deutschland für Polen interessieren, fährt voraussichtlich im Herbst wieder der deutsch-polnische Kulturzug auf der Strecke des Berlin-Warszawa-Express.

Noch ein Blick zurück: 40 Jahre ist es her, daß junge Paneuropäer unter der Leitung von Wolfang Stock, Oriana von Lehsten und Paul Janczewski den Freiheitskampf der Polen gegen die kommunistische Unterdrückung massiv unterstützt haben – mit vielen Medikamententransporten per Lastkraftwagen, in denen auch sonstiges nützliches Material für die polnischen freiheitlichen Oppositionsgruppen aus der freien Gewerkschaftsbewegung Solidarność mitgebracht wurde. Damals ging es um die Freiheit ganz Europas – eines Europa, dem Polen trotz seiner Lage hinter dem Eisernen Vorhang auch vor 1989 immer verbunden war. Heute ist Polen zurück im Herzen Euopas.