Innovative Ukraine

06.05.2026

von Marc Stegherr


Den unschätzbar wertvollen Beitrag der Ukraine zu einer zeitgemäßen Verteidigung Europas gegen militärische Bedrohungen aufgrund innovativer Militärtechnik skizziert Marc Stegherr, seit 2006 Lehrbeauftragter für südslawische Landeskunde an der Ludwig-Maximilians-Universität München, ehemaliger Berater der KFOR-Kommandantur im Kosovo und Gastprofessor am George-C.-Marshall European Center for Security Studies.

Die Innovationskraft der Ukraine ist eine Chance für die Europäische Union.
Die Innovationskraft der Ukraine ist eine Chance für die Europäische Union. © EP

Vom Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki stammt das scharfe Bonmot, wenn man etwas besonders Dummes hören wolle, müsse man nur einen Künstler nach seiner politischen Meinung fragen. Vergleichbares scheint auch für deutsche Rüstungsmanager zu gelten. Armin Papperger, Vorstandsvorsitzender des Rüstungskonzerns Rheinmetall und Präsident des Bundesverbands der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, hat sich kürzlich im US-Magazin „The Atlantic“ über die angeblich mangelnde Innovationskraft der ukrainischen Drohnenhersteller ausgelassen. Papperger sprach im Zusammenhang mit der ukrainischen Drohnenproduktion vom „Spielen mit Lego-Steinen“ und von „ukrainischen Hausfrauen“, die in ihrer Küche auf dem 3-D-Drucker Drohnenteile herstellen würden. Das sei alles keine Innovation, meinte der Rheinmetall-Chef. Allein die Tatsache, daß Saudi-Arabien und andere Staaten des Nahen Ostens, die sich vom Iran bedroht fühlen, inzwischen Drohnen in der Ukraine bestellen, hätte ihn eines Besseren belehren können. Die Ukraine reagierte auf Pappergers drastische und erschreckend uninformierte Äußerung mit Sarkasmus. Wenn jede Hausfrau in der Ukraine tatsächlich Drohnen herstellen könne, „dann kann jede Hausfrau in der Ukraine auch Vorstandsvorsitzende von Rheinmetall werden“, konterte der ukrainische Präsident Selenskyj schlagfertig. Der ehemalige litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis kommentierte auf X, er hoffe „sehnlichst, daß die ukrainischen Hausfrauen ihr Wissen mit uns teilen“. 
Eigentlich hätte Papperger schon die Tatsache zu denken geben sollen, daß die Ukraine mittlerweile im fünften Jahr die massive russische Übermacht an Soldaten und Material aushält. Das wäre ohne überlegene Moral und vor allem ohne permanente Innovationen nicht möglich. Dazu hat die Ukraine auch der immer wieder auftretende Mangel an Waffen und Munition infolge ausbleibender Waffenlieferungen gezwungen, die trotz westlicher Zusicherungen oft lange auf sich warten ließen. Gerade Papperger sollte wissen, daß militärische Innovation nicht nur die technische Entwicklung modernster Waffensysteme bedeutet. Sie umfaßt alles, was hilft, einen Krieg zu gewinnen, und sie reicht von Logistik oder Ausbildung bis zu einfachen, improvisierten, aber durchschlagenden Waffen, was eben auch von kleinen Teams und Einzelpersonen erfolgreich geleistet werden kann. Ein historisches Beispiel ist die millionenfach und oft von Frauen gefertigte britische Maschinenpistole „Sten Gun“, die kein Metallteil zuviel hatte. Die traditionelle Entwicklung moderner Waffensysteme ist aufwendig, teuer, zeitintensiv und in der Anwendung oft kompliziert, wie das vieldiskutierte Beispiel des „Taurus“ zeigt. Friedrich Merz hat als Oppositionsführer noch deren Lieferung an die Ukraine gefordert und wollte als Bundeskanzler davon nichts mehr wissen – was die Ukrainer aber nicht daran hinderte, in Eigenproduktion höchst innovativ wirksamere und vor allem kostengünstigere und einfacher anzuwendende Waffen zu entwickeln, insbesondere Raketen, die das teure und komplizierte Militärgerät aus deutscher Produktion zum Teil entbehrlich machen. Inzwischen lobt der deutsche Kanzler die Innovationskraft der Ukraine und sucht die Bundesregierung eine strategische Partnerschaft mit dieser, auch zur Entwicklung moderner Waffensysteme. Diese Umstände sind wahrscheinlich das wahre Motiv der abfälligen Äußerung des Rheinmetall-Chefs, der schlicht erkennt, daß die angeblich sekundäre Militärmacht Ukraine den deutschen Waffenschmieden in vielem voraus zu sein scheint. „Sekundär“ ist sie schon lange nicht mehr, hat sie doch in den mittlerweile fünf Jahren, die der Krieg Rußlands gegen die unabhängige und demokratische Ukraine dauert, umfangreiche Erfahrungen buchstäblich an vorderster Front in Sachen militärischer Strategie, Logistik und Technik gesammelt, die vielen Politikern und Rüstungsexperten in Europa abgeht. 
Angesichts des gewaltigen Drucks von russischer Seite, der vom  Dauerbeschuß mit Drohnen aus iranischer und anderer Produktion ausgeht, war die Ukraine zur Innovation im Bereich moderner Bedrohung durch Drohnen gezwungen. Da sie sich keine teure Drohnenabwehr leisten konnte, wurden russische Drohnen zunächst mit einfachen Mitteln, selbst mit Schrotflinten abgeschossen. Das NATO-Land Polen hatte gegen russische Drohnen, die angeblich „versehentlich“ auf polnisches Territorium gelangt waren, Kampfjets eingesetzt, weil man anders als die Ukraine auf den neuartigen Drohnenkrieg noch nicht vorbereitet war. Abgeschossene Drohnen wurden in der Ukraine wiederverwertet, wobei ukrainische Tüftler, einfache aber höchst wirksame Neukonstruktionen ausdachten. Ukrainische Droh-
nen haben immer größere Reichweiten. Das 426. ukrainische Regiment der unbemannten Systeme des 30. Marineinfanteriekorps griff zum Beispiel mit Drohnen des Typs „Bulava“ die rückwärtigen Räume der russischen Invasoren am linken Ufer von Cherson an. Hunderte russische Panzer und sogar Kriegsschiffe wurden von ukrainischen Drohnen zerstört. Weil der Westen kaum Marschflugkörper lieferte, hat Kiew alles daran gesetzt, selbst produzierte gelenkte Raketen zu entwickeln. Da Rußlands Angriffe gerade gegen die großen Rüstungsstandorte in der Ukraine gerichtet waren, verteilten die Verteidiger ihre Fertigung auf zahllose Werkstätten und kleine Betriebe.
Von Militärexperten wie Sönke Neitzel wissen wir, daß die Modernisierung der Bundeswehr durch die überbordende Bürokratie massiv behindert wird. Die Ukraine kann sich das nicht leisten. Die Entwicklung neuer Drohnen geschieht im unmittelbaren Austausch, ohne zwischengeschaltete Behörden, zwischen den Anwendern, den ukrainischen Einheiten an der Front, und den Herstellern. Die Drohnen entsprechen dann auch paßgenau den Anforderungen im Einsatz. Gerade das sind wertvolle, der traurigen Realität des Ukrainekrieges abgerungene militärtechnische Fortschritte, die zwar nicht eins zu eins von NATO-Staaten übernommen werden können, die aber das ukrainische Militär zum gefragten Berater gemacht haben. So greifen etwa die Vereinigten Arabischen Emirate oder Saudi-Arabien heute zum Schutz vor iranischen Angriffen auf die Militärtechnik der Ukraine zurück. Der ukrainische Staatspräsident Selenskyj war jüngst im Nahen Osten unterwegs, um entsprechende Lieferverträge zu unterschreiben.
Natürlich ist es zu weit gegriffen, wenn angesichts der Erfolge ukrainischer Drohnen-Innovation und der rasanten Verbreitung von Kampfdrohnen die Bedeutung von Kampfpanzern abgeschrieben wird. Der Rheinmetall-Chef vergriff sich aber auch hier im Ton, als er die Drohnendebatte schlichtweg als „Unsinn“ bezeichnete. Nur Panzer seien in der Lage, Raum zu gewinnen und Gelände zu halten. Dabei ignoriert der Panzerhersteller, daß Panzer auf den schnell an den Frontlinien erstarrten, statischen Schlachtfeldern der Ukraine ihre Vorteile – hohe Feuerkraft bei hohem Schutz und Mobilität – nicht wirklich ausspielen können. Papperger hat betont, die neueste Variante des Leopard, der 2A8, sei gegen Drohnenangriffe bestens geschützt, ganz anders als die im Ukrainekrieg zerstörten Panzer, über deren schwach geschützten Türmen Drohnen explodierten. Tausendfach seien so in der Ukraine gepanzerte Gefechtsfahrzeuge vernichtet worden. 

Erfahrung von
der Front

Dabei ließ der Rheinmetall-Chef unerwähnt, daß erst die Erkenntnisse aus dem Ukrainekrieg,  nämlich die provisorischen Innovationen wie Stahlkörbe, die Drohnen abfangen, zur Weiterentwicklung des Leopard geführt haben. So entstand das aktive Schutzsystem „Trophy“, ein sogenanntes „Hardkill“-System, das über Radarsensoren anfliegende Panzerabwehrwaffen oder Top-Attack-Drohnen erkennt und mit Gegenladungen aus turmintegrierten Werfern neutralisiert. Die Drohnen machen den Panzer durchaus nicht überflüssig. Es zeigt sich auch auf den statischen Gefechtsfeldern der Ukraine, daß Aufklärungsdrohnen nur dann wirklich wirksam werden können, wenn auch mobile Artillerie vorhanden ist, um erkannte feindliche Objekte auszuschalten.   
Vor dem Hintergrund dieser Beispiele entpuppen sich die verbreiteten Vorurteile über die Fähigkeiten der Ukraine als schlecht verstecktes Eingeständnis, daß die „ukrainischen Hausfrauen“ neue Entwicklungen angeschoben haben, zu denen die Waffenindustrie der NATO-Staaten, deren Innovationskraft unter jahrzehntelanger Vernachlässigung und Überbürokratisierung leidet, alleine nicht fähig gewesen wäre. Man weiß sofort, daß der Ukraine wieder ein Schlag gegen die russische Armee und die militärische Infrastruktur Rußlands gelungen ist, wenn der TV-Chefdemagoge Putins, Wladimir Solowjew, vulgärste Vernichtungsphantasien gegen die Ukraine schleudert oder die Russische Botschaft in Berlin auf Facebook die Heldentaten der Roten Armee und die vergangene Größe Rußlands beschwört. Politiker, die die Bundeswehr jahrzehntelang zu einer zahnlosen Freizeitarmee heruntergewirtschaftet haben, sind jedenfalls nicht berufen, sich über die Realitäten, die Erfahrungen und die Konsequenzen des Ukrainekrieges kompetent zu äußern.
Das imperialistische Rußland Wladimir Putins hat erfahren müssen, wie innovativ der ukrainische Gegner, den man in ein paar Tagen überrollen wollte, tatsächlich ist. Die Kampfmoral und die Innovativkraft der Ukraine sind ein wichtiges Pfund, das sie zukünftig in die Sicherheitspolitik der Europäischen Union zur Verteidigung von Frieden und Freiheit einbringen wird.