von Stephan Baier
Papst Leo XIV., der nach Herkunft und langjährigem bischöflichen Dienst in Peru beiden Teilen Amerikas zugehört, ist zugleich ein Römer, ein Mönch, ein Missionar und ein erfahrener Kirchenmanager. Stephan Baier porträtiert den Augustiner auf dem Stuhl Petri, der sich unablässig für einen ehrlichen Frieden in der geschundenen Ukraine und anderen Teilen der Welt einsetzt.
Kann denn aus Chicago etwas Gutes kommen, aus der Stadt von Al Capone? Und wie konnten die Kardinäle einer Welt, in der die USA weithin als spaltend, dominant und egoistisch wahrgenommen werden, einen Yankee als Papst zumuten? Das waren, zugegeben, meine ersten Gedanken, als ich – wie der Rest der Welt – am Abend des 8. Mai von der Wahl des neuen Papstes erfuhr. Doch schon der flüchtige Blick auf die Biografie von Robert Francis Prevost läßt solche Fragen sogleich verblassen: Wie die 1910 im damals osmanischen Üsküp (Skopje) geborene, aber jahrzehntelang in Kalkutta wirkende Mutter Teresa einst einem indischen Nationalisten entgegnete, sie sei eine viel bessere Inderin als er, denn er sei es ja nur durch den Zufall der Geburt, doch sie habe sich dafür entschieden, Inderin zu sein, so hätte Prevost sagen können, er habe sich entschieden, Peruaner zu sein. Der heutige Papst Leo XIV. kam am 14. September 1955 in Chicago zur Welt, wirkte aber ein Vierteljahrhundert als Missionar und Leiter der Berufungspastoral seines Ordens, als Prior und Provinzialoberer, als Professor und schließlich als Bischof in Peru. Er ist nicht nur US-amerikanischer und seit 2015 peruanischer Staatsbürger, sondern er ist ein Papst beider Amerikas.
Es kommt aber noch eine dritte Komponente dazu, nicht nur durch die vatikanische Staatsbürgerschaft, die ihm 2023 mit der Erhebung zum Kardinal zuteilwurde. Die Familie Prevost hat kreolische, französische und italienische Wurzeln. Leo XIV. würde wohl Roberto Riggitano heißen, hätte sein italienischer Großvater Salvatore nach seiner Auswanderung in die USA vor 120 Jahren nicht den Geburtsnamen seiner Schwiegermutter angenommen. Die hieß Jeanne Eugénie Prévost und war Französin. Europa spielt in der Biografie des amerikanischen Papstes noch eine größere Rolle: In den USA studierte er zunächst Mathematik und Philosophie, schließlich Theologie. Für das Doktorat aber ging er nach Rom, studierte an der dominikanisch geprägten päpstlichen Universität „Angelicum“ Kirchenrecht, wurde 1982 in der römischen Augustinerkirche Santa Monica zum Priester geweiht und 1987 mit einer kirchenrechtlichen Dissertation promoviert. Neben der US-amerikanischen und der peruanischen gibt es also eine römische Dimension im Leben Leos XIV., zumal sein peruanisches Vierteljahrhundert durch zwölf Jahre als Generaloberer des Augustinerordens mit Sitz in Rom unterbrochen wurde. 2023 holte Papst Franziskus ihn dann als Präfekt des Dikasteriums für die Bischöfe in den Vatikan.
Der Ordensmann aus Chicago, der als Missionar und Bischof in Peru wirkte, dabei seine europäischen Wurzeln nie vergaß, ist der Papst der Globalisierung: weitgereist und vielsprachig, mit Studien der Mathematik, der Philosophie und des Kirchenrechts gerüstet, bewährt in unterschiedlichsten regionalen wie internationalen Leitungsaufgaben, ist er ein echter „global player“. Leo XIV. spricht Englisch, Spanisch und Italienisch perfekt, dazu noch mehrere Sprachen rudimentär. Als mathematisch wie philosophisch geschulter Kopf ist der Mönch, Missionar und Manager trittsicher im rationalen Dialog mit der Welt. Das Schicksal vieler Zeitgenossen spiegelt sich in ihm, wie er selbst am Beginn seines Pontifikats in einer Rede an das in Rom akkreditierte Diplomatische Korps sagte: „In gewisser Weise ist meine eigene Lebenserfahrung, die sich zwischen Nordamerika, Südamerika und Europa entfaltet, repräsentativ für dieses Bestreben, Grenzen zu überschreiten, um verschiedenen Menschen und Kulturen zu begegnen.“
Nach seiner Herkunft und aus eigener Entscheidung ist Leo XIV. nicht singulär einer Nation, ja nicht einmal einem Kontinent zuzuordnen. Schon das verbietet, ihn daran zu messen, wie freundlich oder widerständig er diesem oder jenem Politiker gegenübertritt. Die geradezu panischen Reaktionen rechter US-Kreise wie die Freudenschreie ihrer Kritiker, die beide sogleich zu wissen meinten, Prevost sei der neue globale Gegenpart zu Donald Trump, haben eine kurze Halbwertszeit: Die katholische Kirche ist in den USA längst keine marginale Randgruppe mehr, sondern mit 25 Prozent der Einwohner die größte Konfession. Eine heterogene Gruppe allerdings, denn neben Nachfahren irischer und italienischer Immigranten sind mittlerweile 40 Prozent der US-amerikanischen Katholiken selbst Einwanderer oder Kinder von Einwanderern, mehrheitlich aus Mittel- und Südamerika. Bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen stimmten 56 Prozent der Katholiken für Trump und 41 Prozent für Harris. Nicht nur deshalb wird sich Leo XIV. auf dem Glatteis US-amerikanischer Innen- und Gesellschaftspolitik vorsichtig bewegen. In Peru machte er schon Bekanntschaft mit politischer Korruption und Rechtsunsicherheit.
Befreit von der Bürde politischer Macht, sind die Bischöfe und Päpste unserer Zeit keine politischen – schon gar keine parteipolitischen – Akteure. Sie messen die Politik nicht an politischen, sondern an ethischen Kriterien. Darin liegt ihre Kompetenz. Und genau so konnten die Päpste des 20. und 21. Jahrhunderts zu Orientierung gebenden Leuchttürmen, ja zum Gewissen der Welt werden. Es ist ja auffällig, daß in diesem Zeitalter totalitärer Regime und menschenfeindlicher Ideologien die globalen Oberhäupter der katholischen Kirche durchgehend moralisch integer, weltanschaulich klar und wahre Anwälte des Friedens, der Gerechtigkeit und der Menschenwürde waren.
Der Papst, enthoben jeder (auch der patriotisch verbrämten) Engstirnigkeit, ist nicht an seinem Verhältnis zu diesem oder jenem Politiker oder Land zu messen, sondern nur an einem Maßstab: an dem, den er auf Erden vertritt und den alle Christen als ihren Herrn und Heiland verehren. Tatsächlich ist die Botschaft Leos XIV. christozentrisch: „Aus christlicher Sicht ist die Wahrheit nicht die Bestätigung abstrakter und realitätsferner Prinzipien, sondern die Begegnung mit der Person Christi selbst.“ Ist Leo XIV. darum nun ein unpolitischer, ein rein spiritueller Papst? Im Gegenteil: Dieser Papst weiß auch aus dem Erfahrungshintergrund der USA und Lateinamerikas, daß nur die Wahrheit befreit, daß die Menschen nach dieser Befreiung dürsten und daß sie ein Recht auf die Wahrheit haben. „Wirklich friedliche Beziehungen können nicht ohne Wahrheit aufgebaut werden, auch nicht innerhalb der internationalen Gemeinschaft“, sagte Leo XIV. in der bereits erwähnten Rede. Nein, nicht an den Maßstäben der Politik oder des vermeintlichen gesellschaftlichen Fortschritts ist der Papst zu messen. Vielmehr ist alle Politik an der Wahrheit des Menschen zu messen, welche sich uns mit Blick auf Christus voll erschließt.
Wie die Apostel einst die Botschaft von der Königswürde des Menschen in die ganze damals bekannte Welt trugen und die Geisteswelt des antiken Mittelmeerraums transformierten, so braucht auch unsere geistig verwirrte, weltanschaulich zerrissene, politisch gespaltene und erneut in Gewalt versinkende Welt einen archimedischen Punkt, um die Machtstrukturen des „Herrschers dieser Welt“, wie Jesus den Satan nennt (Joh. 16,11 und 12,31), aus den Angeln zu heben. Wir finden ihn in der unbedingten, weil in der Gott-Abbildlichkeit ruhenden Würde jedes Menschen. Kein Wunder also, daß Papst Leo XIV., der die Zerrissenheit der USA wie Lateinamerikas (und ihrer Kirchen) kennt, die „Würde jedes Menschen … vom ungeborenen Kind bis zum alten Menschen“ in das Zentrum seiner Rede an die Welt der Politik stellte. Nicht ein plattes „Frieden um jeden Preis“, sondern: „Wer Frieden will, muß Gerechtigkeit üben.“ Keine banale Anpassung an die vermeintliche Moderne, sondern: „Die Kirche kann sich niemals ihrem Auftrag entziehen, die Wahrheit über den Menschen und die Welt auszusprechen.“
Leo XIV. wird für die Großen der Welt eine Herausforderung, das hat er bereits am Beginn seines Pontifikats gezeigt. Denn der Papst und sein Vatikan sind zwar militärisch hilflos und politisch in einer widerborstigen Welt recht schwach, aber eine moralische und humanitäre Großmacht. Diese Spannung, die dem Vorbild Jesu und seiner Apostel entspricht, zeigt sich in der vatikanischen Friedenspolitik. Als ein Großteil des Westens noch an das illusionsreiche „Ende der Geschichte“ glaubte und von „Wandel durch Handel“ träumte, diagnostizierte Papst Franziskus bereits 2016 einen „Weltkrieg in Stücken“. Mahnend, doch hilflos warnte er – in der Tradition seiner Vorgänger – vor ideologischer Überhitzung, politischer Korruption, Eskalation der Gewalt und wachsenden Ungerechtigkeiten.
Mit Blick auf den Nahostkonflikt wird dieses Drama besonders deutlich, denn die Päpste haben für das krisengebeutelte Heimatland Jesu, das wir darum „Heiliges Land“ nennen, seit jeher eine Zweistaaten-Lösung sowie die Internationalisierung Jerusalems empfohlen. In dieser Frage paßt kein Blatt Papier zwischen Papst Leo und seine Vorgänger: Angesichts des Kriegs um Gaza sprach er sich laut und vernehmbar „für einen Waffenstillstand, für die Freilassung der Geiseln, eine diplomatische Lösung und die Achtung des humanitären Völkerrechts“ aus. Leo XIV. begrüßte den 20-Punkte-Plan von US-Präsident Trump ausdrücklich, äußerte sich gegen Gewalt, Zwangsvertreibung und Racheakte. Über den Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, und den aus Argentinien stammenden katholischen Pfarrer von Gaza-Stadt steht Leo XIV. in ständigem Austausch mit den Christen im Heiligen Land.
An Klarheit gewonnen hat durch Leo XIV. die vatikanische Haltung zu Putins Krieg gegen die Ukraine. Zwar hat auch Papst Franziskus caritative Hilfsaktionen großen Ausmaßes angestoßen und humanitäre Vermittlungsmissionen – etwa für die Heimführung der von Rußland entführten ukrainischen Kinder – initiiert. Doch seine Hoffnung, eine Frieden vermittelnde Rolle zu spielen, hat sich als Illusion erwiesen, die der Kreml instrumentalisierte. Als Franziskus im Februar 2022 zum russischen Botschafter in Rom eilte, als er kurz darauf in einer Videoschalte nach Moskau versuchte, auf den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill mäßigend einzuwirken, als er bekundete, zuerst nach Moskau und erst dann nach Kiew reisen zu wollen, hat er die Ukrainer – und auch die ukrainischen Bischöfe – an der vatikanischen Diplomatie zweifeln lassen.
Maßstäbe der
Gerechtigkeit
Nach seiner als Aufruf an Kiew verstandenen Mahnung, die „weiße Fahne“ zu hissen, half auch keine Beteuerung aus dem vatikanischen Staatssekretariat, der Papst habe damit Verhandlungen und nicht etwa eine Kapitulation gemeint. Und als Franziskus öffentlich Zar Peter I. und Zarin Katharina II. Vorbilder für die russische Jugend nannte, da riß sogar dem bis zur Selbstaufopferung loyalen Oberhaupt der ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus, Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk, der Geduldsfaden.
Papst Leo XIV. legte seine Wortmeldungen zum Ukrainekrieg von Anfang an so an, daß niemand denken konnte, der Papst wahre eine Äquidistanz zu Opfer und Täter. In einem seiner ersten öffentlichen Auftritte forderte der Papst einen „echten, gerechten und dauerhaften Frieden“ und die Freilassung aller von Rußland entführten ukrainischen Kinder sowie der Kriegsgefangenen. Das erste politische Telefonat des neuen Papstes galt dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj; das „geliebte ukrainische Volk“ lobte er für seine „Standhaftigkeit im Glauben und in der Hoffnung“. Leo XIV. stimmte zwar zu, als von politischer Seite ausgelotet wurde, ob Friedensverhandlungen auf vatikanischem Hoheitsgebiet stattfinden könnten, doch stellte er zugleich klar, daß der Vatikan kein Vermittler, sondern ein Fürsprecher für Frieden und Gerechtigkeit sei. Selenskyj zeigte sich für die neue päpstliche Klarheit dankbar, würdigte die Aufmerksamkeit des Papstes „für die Menschen in der Ukraine inmitten dieses verheerenden Krieges“ und lobte die „moralische Führungsrolle“ des Papstes.
Gegen den Willen eines kriegslüsternen, menschenverachtenden Ideologen kann die Mahnung des Papstes nichts erzwingen. Aber Papst Leo XIV. kennt und benennt die Maßstäbe der Gerechtigkeit, des Völkerrechts wie der Menschenrechte, er nennt in diesem Krieg Täter und Opfer beim Namen und bleibt ein Anwalt der Menschlichkeit. Er ist kein politischer Akteur, sondern ein geistlicher Mahner und – wie seine großen Vorgänger – das Gewissen der Welt.