Zum 75. Todestag: Reise zu Ida Roland

06.05.2026

von Stephanie Waldburg


Vor 75 Jahren starb Ida Roland, die große Schauspielerin, die an der Seite von Richard Coudenhove-Kalergi ihr Leben, ihren Einfluß und ihr Vermögen der konkreten Umsetzung der Paneuropa-Idee widmete. In Ulm, Wien und dem mährischen Göding/Hodonín erinnerte die Paneuropa-Union an verschiedene Facetten der vielfach unterschätzten Mutter Europas.

Erinnerung an Ida Roland vor dem Denkmal für die Synagoge von Göding/Hodonín: v.l.n.r. Johannes Kijas, Ivana Chovančíková, Hana Sýnková, Galina Rucká, Bernd Posselt, Stephanie Waldburg, Mojmír Jeřábek, Eleonora Jeřábková und David Macek.
Erinnerung an Ida Roland vor dem Denkmal für die Synagoge von Göding/Hodonín: v.l.n.r. Johannes Kijas, Ivana Chovančíková, Hana Sýnková, Galina Rucká, Bernd Posselt, Stephanie Waldburg, Mojmír Jeřábek, Eleonora Jeřábková und David Macek. © Miksch

Die europäische Einigung wurde auch von einer Frau initiiert, und zwar im Wien der 1920er Jahre. Die damals im ganzen deutschen Sprachraum berühmte Schauspielerin Ida Roland trieb Seite an Seite mit ihrem Mann, dem Grafen Richard Coudenhove-Kalergi, die Idee eines geeinten Europa voran und führte ihre Bekannten aus der Wiener und Münchener Intellektuellenszene der Zwischenkriegszeit, darunter die Nobelpreisträger Albert Einstein und Thomas Mann, die Literaten Rainer Maria Rilke und Franz Werfel oder die Jahrhundertmusiker Arturo Toscanini und Bronislaw Hubermann, in der Paneuropa-Bewegung zusammen. Große Paneuropa-Kongresse, an deren Organisation Ida einen hohen Anteil hatte, versammelten führende Köpfe aus vielen europäischen Ländern. Als Hitler gegen Ida und Richard Coudenhove-Kalergi persönliche Haftbefehle ausstellte und sie nach Amerika fliehen mußten, nutzte sie das Exil, um die politisch mächtigen Frauenvereine der USA für die Vision eines geeinten Nachkriegseuropa zu gewinnen, und organisierte im Winter von 1945/46 gemeinsam mit Österreichs letzter Kaiserin Zita Hilfe für die hungernde und frierende österreichische Bevölkerung. Nach ihrer Rückkehr nach Europa erlebte sie noch den Aufbau der Europäischen Parlamentarier-Union und die Auszeichnung ihres Mannes mit dem ersten Aachener Karlspreis. Ihr Grab liegt im Garten ihres ehemaligen Hauses in Gstaad im Berner Oberland. 

Auf eine Pilgerschaft zu den Wurzeln der großen Schauspielerin begab sich jetzt das Projektteam der Paneuropa-Union Deutschland, bestehend aus ihrem Präsidenten Bernd Posselt, Bundesgeschäftsführer Johannes Kijas und Pressereferentin Stephanie Waldburg. Die erste Etappe war Wien, wo Ida Klausner, wie ihr Geburtsname lautet, aufgewachsen ist, wo sie in der Zwischenkriegszeit die Paneuropa-Bewegung mit aufbaute und unter anderem vor genau 100 Jahren den ersten großen Paneuropa-Kongreß inszenierte. Zwei Wiener Bezirke, Ottakring und Kagran, haben Straßen nach der großen Tochter der Stadt benannt. Von Westen führt der Weg nach Ottakring durch Frühlingswälder und Ausflugsgegenden. Der dortige Rolandweg schlängelt sich von der Gallitzin-Sternwarte durch ein Wohngebiet bergab. In der Nähe liegen ein großer Friedhof und bekannte Gaststätten wie „Zur blauen Nosn“ oder das „Grünspan“. Wir bitten eine Passantin, uns mit dem Straßenschild zu fotografieren. Sie reagiert mit Interesse: Von Coudenhove hat sie gehört, auch Ida Roland ist ihr ein Begriff, aber den „Rolandweg“ in ihrem Heimatbezirk hat sie damit nie in Verbindung gebracht.
Durch den Stoßverkehr zwischen den Wolkenkratzern der Donaucity nähern wir uns der Rolandgasse, ganz nahe an der U-Bahnstation Kagraner Platz. Zwischen blühenden Büschen steht dort eine Wohnanlage der Gemeinde Wien aus den Jahren 1959/60, um die Ecke das schöne Jugendstilgebäude einer Bürgerschule der Stadt Auch hier finden wir eine Fotografin, die unsere Erklärungen kommentiert: „Wieder was gelernt!“ 
Schon im Schein der ersten Straßenlaternen kommen wir ans Burgtheater, wo Ida Roland gespielt hat und ihr Gemälde bis heute in der Galerie der berühmtesten Künstler hängt. Danach treffen wir uns beim „Dreier“, einem echten Wiener Beisl, mit Rainhard Kloucek, dem Präsidenten der Paneuropa-Union Österreich. 

Zwei Tage später, am 27. März, dem 75. Todestag selbst, fahren wir von Brünn aus nach Südosten, um noch tiefer in die Vergangenheit von Ida Roland einzudringen. Durch flache Hügel mit erstem Grün und weiß blühenden Sträuchern geht es nach Göding, tschechisch Hodonín, in Südmähren, zu unserer Rechten die Kleinen Karpaten und die slowakische Grenze. Auf zwei Meter Höhe abgeschnittene Bäume und neu gedeckte Dächer erinnern an den Wirbelsturm, der vor zehn Jahren die Stadt und die Gegend verwüstete. Einstöckige Häuser und Weingärten mit Obstbäumen wechseln mit Industriebauten. In Göding bewundern wir das kleine Schloß, die Kirche und das markante Rathaus auf dem Masaryk-Platz und finden schließlich inmitten einer Plattenbausiedlung unseren Treffpunkt, einen kleinen dreieckigen Gedenkstein neben einem riesigen gelben Forsythienbusch: Hier stand die von den Nationalsozialisten schwer beschädigte und von den Kommunisten beseitigte Synagoge der einstmals mehr als tausend Menschen umfassenden jüdischen Gemeinde von Göding, der die Mutter Ida Rolands entstammte. Cäcilie Weiner wurde 1858 in Göding als Tochter von Abraham Weiner und seiner Frau Peppi, geborene Pollaschek, geboren; sie heiratete später Saul Klausner, einen Kaufmann aus dem heute zur Ukraine gehörenden Galizien, und lebte mit ihm und ihren sieben Kindern, darunter Ida Klausner und Leopold Klausner, der dann der Geschäftsführer der Paneuropa-Union war, in Wien.
Zu Ehren der Mutter und der Großmutter Europas hatten sich drei führende Damen der Gödinger Museumslandschaft versammelt: Ivana Chovančíková, Direktorin des Masaryk-Museums, und ihre Kollegin, die Historikerin Hana Sýnková, sowie die Direktorin der Zweigstelle des Südmährischen Staatsarchivs, Galina Rucká, die insbesondere auch auf die jüdische Geschichte Gödings spezialisiert ist. Aus Brünn kamen die Literaturprofessorin Eleonora Jeřábková, Chefin des dortigen Deutsch-Tschechischen Begegnungszentrums und ihr Mann, der legendäre Literat und mährische Ur-Paneuropäer Mojmír Jeřábek, der auch das Mährische Jüdische Museum betreut, sowie David Macek von der Versöhnungsinitiative „Meeting Brno“ und der Berlin-Redakteur der Sudetendeutschen Zeitung, Ulrich Miksch. Sie demonstrierten mit Paneuropa-Fahnen und hielten Schilder in deutscher und tschechischer Sprache mit Aufschriften wie „Ida Roland – Mutter Europas“ und „Europas Mutter stammt aus Göding“.
Bernd Posselt ergriff die Gelegenheit, um die paneuropäischen Bezüge Gödings weiter zu entfalten: Aus Göding stammt nämlich auch der erste Staatspräsident der Tschechoslowakei, Tomáš Garrigue Masaryk. Er war der erste Politiker, dem Coudenhove unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg seine Paneuropa-Idee vorstellte, und gab ihm einen tschechoslowakischen Diplomatenpaß, um ihm die Kontaktaufnahme zu anderen führenden Politikern Europas zu erleichtern. Hergestellt wurde die Verbindung zu Masaryk durch Ida Roland, und zwar über die Gödinger Industriellenfamilie Redlich. Der jüdisch-liberale Politiker Josef Redlich, letzter Finanzminister der k.u.k. Monarchie und danach auch Regierungsmitglied in der Republik Österreich, habe die Anfänge der Paneuropa-Bewegung unterstützt und dem Ehepaar Coudenhove auch später im amerikanischen Exil die Wege geebnet. Posselt bezog sich dabei auf einen Nachfahren der Familie, Robert Redlich, den er bei Radio Free Europe in München kennengelernt hatte. 
Besonderes Gewicht legte Posselt auf die Tatsache, daß Ida Roland, ebenso wie Richard Coudenhove-Kalergi, heute durch ihre Wurzeln in den Böhmischen Ländern für den Teil Europas den Zugang zur europäischen Einigung erschließen könnte, der durch den Eisernen Vorhang von den Einigungsschritten unter Adenauer, Schuman und De Gasperi abgeschnitten gewesen sei. 

Viel weiter im Westen, in der Donaumetropole Ulm, beleuchtete am selben Tag die Paneuropa-Union Baden-Württemberg unter ihrem Landesvorsitzenden Andreas Raab, zugleich Vizepräsident der Paneuropa-Union Deutschland, andere Aspekte der vielseitigen Persönlichkeit. Hier fand die junge Mimin Ida Klausner ihr sehr erfolgreiches zweites Engagement, hier entschied sie sich für den Bühnennahmen Ida Roland. Außerdem ist Ulm die Heimatstadt von Albert Einstein, der ebenfalls der Paneuropa-Union angehörte. Paneuropäer, Ulmer Bürger und Theaterbesucher, Vertreter und Schauspieler des Ulmer Theaters sowie Vorstandsmitglieder des Albert Einstein Discovery Centers strömten daher zusammen, um vor dem Gebäude an die große Schauspielerin, kongeniale Ehefrau und Mitstreiterin von Paneuropa-Gründer Richard Graf Coudenhove-Kalergi zu erinnern.

Andreas Raab wies darauf hin, daß Ida Roland maßgeblich an der Formulierung und Propagierung der Paneuropa-Idee beteiligt war. In nur vier Jahren seit deren Veröffentlichung 1922 sei es ihr und Richard Coudenhove-Kalergi gelungen, im Herbst 1926, also vor 100 Jahren, fast 2000 Politiker, Künstler, Wissenschaftler, Diplomaten, Unternehmer aus allen europäischen Ländern in Wien zum ersten Paneuropa Kongreß zu versammeln. Wie das in Ulm geborene Physik-Genie Albert Einstein, dem sie freundschaftlich verbunden war und den sie in die Paneuropa Union brachte, habe sie sie zu den jüdischen Intellektuellen der 1920er Jahre gehört, die die freiheitliche Europa-Idee mit ganzer Kraft als Gegenentwurf gegen Nationalismus und Totalitarismus unterstützten.

Der Intendant des Ulmer Theaters, Kay Metzger, würdigte die frühere Kollegin in einem Grußwort und erklärte mit Stolz, daß die Karriere Ida Rolands, einer der bekanntesten Schauspielerinnen ihrer Zeit, mit einer ersten Festanstellung 1899/1900 in Ulm begonnen habe. Als wichtigsten paneuropäischen Auftritt bezeichnete er den beim zweiten Paneuropa-Kongreß 1930 in Berlin, als sie vor Thomas Mann, Albert Einstein und den führenden Paneuropäern aus allen europäischen Staaten die Friedensrede von Victor Hugo aus dem Jahr 1849 vortrug. Ida Roland habe die europäische Friedens-Vision des großen französischen Literaten mit ihrer eindringlichen Stimme zu einem direkten Appell an ihre Zeitgenossen gemacht, der damals mit dem aufziehenden Nationalsozialismus genauso prophetisch und aktuell klang, wie er heute in einem Europa klinge, in dem seit einigen Jahren wieder ein Krieg tobe.

Diese Einschätzung von Intendant Kay Metzger konnten die Zuhörer uneingeschränkt nachvollziehen, als die Ulmer Schauspielerin Emma Lotte Wegner ihrerseits auf beeindruckende Weise der vor 75 Jahren verstorbenen Kollegin von 1899 ihre Stimme lieh und in einer Verkettung von paneuropäischen Generationensprüngen die wichtigsten Passagen aus der Ansprache Ida Rolands beim zweiten Paneuropa-Kongreß im Jahre 1930 wiedergab, in der sie Viktor Hugos Rede auf dem Pariser Friedenskongreß von 1849 zitierte:
„Meine Herren, viele unter Ihnen kommen aus den entferntesten Orten der Erde. Unter Ihnen sind Publizisten, Philosophen, Geistliche, prominente Schriftsteller ... Sie haben das letzte und erhabenste Blatt des Evangeliums sozusagen umgeblättert, jenes, das den Frieden den Kindern Gottes auferlegt; ... Dieser religiöse Gedanke, der allgemeine Frieden, alle Nationen untereinander vereint, das Evangelium zum obersten Gesetz, die Mediation an Stelle des Krieges, dieser religiöse Gedanke - ist er ein praktischer Gedanke? Für mein Teil antworte ich, antworte ich ohne zu zögern: Ja! ... Ich gehe einen Schritt weiter; ich sage nicht nur: es ist ein erreichbares Ziel, ich sage: es ist ein unvermeidliches Ziel ... 
Wenn jemand vor vierhundert Jahren, als der Krieg von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, von Landesteil zu Landesteil geführt wurde, wenn jemand Lothringen, der Picardie, der Normandie, der Bretagne, der Auvergne, der Provence, dem Dauphiné, dem Burgund gesagt hätte: der Tag wird kommen, an dem Ihr keinen Krieg mehr führen werdet, der Tag wird kommen, an dem Ihr keine bewaffneten Männer mehr ausheben werdet ...Wißt Ihr, was Ihr an die Stelle von Fußvolk und Kavalleristen, Kanonen, Geschützen, Lanzen, Spießen, Schwertern setzen werdet? Ihr werdet einen Tannenholzkasten hinstellen, die Ihr Wahlurne nennen werdet, und was wird aus diesem Kasten herauskommen? Eine Versammlung, in der Ihr das Leben erleben werdet, eine Versammlung, die Euer aller Seele sein wird, ein Souverän und Volkskonzil, welches alles gesetzlich beschließen und lösen wird, welches das Schwert aus allen Händen fallen und die Gerechtigkeit in allen Herzen aufkommen läßt, welches allen sagen wird: Hier endet dein Recht, hier fängt deine Pflicht an. ... Wenn jemand dies damals gesagt hätte, meine Herren, hätten alle positiven Männer, alle seriösen Menschen, alle großen Politiker aufgeschrien: „Welch ein Träumer! Was für ein Phantast! Wie wenig dieser Mann die Menschheit doch kennt!” Meine Herren, die Zeit ist vorwärts geschritten und dieses Hirngespinst ist Wirklichkeit geworden. ...
Der Tag wird kommen, an dem Ihr, Frankreich, Ihr, Rußland, Ihr, Italien, Ihr, England, Ihr, Deutschland, Ihr, alle Nationen des Kontinents – ohne Eure unterschiedlichen Eigenschaften und Eure glorreiche Eigenheit zu verlieren – Euch in einer höheren Einheit eng verschmelzen werdet und dabei die europäische Brüderlichkeit bilden … Der Tag wird kommen, an dem es keine weiteren Schlachtfelder mehr geben wird, außer dem sich dem Handel öffnenden Markt und dem sich den Ideen öffnenden Verstand. Der Tag wird kommen, an dem Kanonenkugeln und Bomben durch Abstimmungen, durch das allgemeine Wahlrecht, durch die ehrwürdige Schiedsgerichtsbarkeit eines großen souveränen Senats ersetzt werden, der für Europa das sein wird, was das Parlament für England, was der Bundestag für Deutschland und das legislative Parlament für Frankreich ist! Der Tag wird kommen, an dem man die Kanonen in den Museen zeigen wird, wie man dort heute ein Folterinstrument zeigt, sich wundernd, daß es so etwas gegeben haben kann. ...
Und wir Franzosen, Engländer, Belgier, Deutsche, Russen, Slawen, Europäer, Amerikaner, was haben wir zu tun, um so schnell wie möglich an diesen Tag zu gelangen? Uns zu lieben. Uns zu lieben! In diesem riesigen Werk der Befriedung ist es die beste Art, Gott zu helfen! Denn Gott will dieses erhabene Ziel! Und seht, was er allerseits macht, um dies zu erreichen! Seht, wie viele Entdeckungen er aus dem menschlichen Geist herausbringt, die alle dieses Ziel anstreben, den Frieden! Wie die Kriegsgründe verschwinden und mit ihnen die Leidensgründe! Wie die entfernten Völker sich begegnen! Wie die Entfernungen sich einander nähern! Und Annäherung, das ist der Anfang der Brüderlichkeit!“.
Als sanfteren Konterpunkt zu diesem dramatischen Appell brachte Thomas Kienle, Europa-Stadtrat von Ulm und Präsidiumsmitglied der PEU Deutschland, den Anwesenden die junge Ida Roland mit einem Sonnett  näher, das Rainer Maria Rilke im Jahr 1900 auf die Schauspielerin geschrieben hat. Nancy Hecker-Denschlag vom Discovery Center Ulm führte in ihrem Grußwort von Ida Rolands zu Albert Einsteins Vision einer freien und friedlichen Welt. Die Europahymne, die ebenfalls auf das Ehepaar Coudenhove zurückgeht, bildete den Abschluß.