Bernd Posselt beim 64. Europatag in Andechs

"Die AFD huldigt materialistischen Götzen"

18.01.2026

Der 64. Andechser Europatag der Paneuropa-Union Deutschland stand unter dem Motto „Europäische Werte – eine Phrase ohne Substanz?“ und befaßte sich mit den geistigen Grundlagen, die die europäische Einigung gegen Bedrohungen im Inneren und im Äußeren stärken können. Der Präsident der Paneuropa-Union Deutschland, Bernd Posselt, wandte sich energisch gegen Bestrebungen, die so genannte Brandmauer zur AfD aufzuweichen. Diese „durch und durch rechtsextreme Partei“ stehe im Dienst von mindestens einer fremden Macht und wolle „das Kostbarste zerstören, was christliche Staatsmänner wie Adenauer, Schuman, De Gasperi und Strauß nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben, nämlich die Europäische Einigung, den demokratischen Rechtsstaat und die Soziale Marktwirtschaft.“ 

Andechser Podium v.l.n.r.: Prof. Klaus Wolf, Pater Cyrill Schäfer OSB, Raphael Wegner, Christa Naaß, Klaus Holetschek MdL und Dr. Philipp Hildmann.
Andechser Podium v.l.n.r.: Prof. Klaus Wolf, Pater Cyrill Schäfer OSB, Raphael Wegner, Christa Naaß, Klaus Holetschek MdL und Dr. Philipp Hildmann. © PD-Archiv

Posselt warf den rechtsextremen Kräften in Europa vor, das Christentum identitär zu mißbrauchen und materialistischen Götzen wie dem Nationalismus zu huldigen. Nationalismus sei nichts als „historisch verbrämter Egoismus“ und damit das Gegenteil zum Gemeinwohl-Gedanken der christlichen Soziallehre. Notwendig sei ein richtig verstandener Patriotismus auf regionaler, nationaler und europäischer Ebene.
Der langjährige CSU-Europaabgeordnete rief die demokratischen Parteien auf, aus den alten Links- und Rechtsschemata auszubrechen, um gemeinsam den Radikalen auf beiden Seiten des politischen Spektrums den Kampf anzusagen. In Frankreich werde derzeit sichtbar, welche katastrophalen Folgen es habe, wenn dies nicht gelinge. 
Prof. Ingeborg Gabriel vom Institut für Sozialethik der Universität Wien referierte zum Thema „Menschenwürde – Pfeiler einer Ethik für Europa?“ „Dignitas“, also Würde, sei ursprünglich ein Standesbegriff für bestimmte „Würdenträger“ gewesen. Das Missale Romanum aus dem 6. Jahrhundert habe ihn auf alle Christen bezogen und damit „demokratisiert“. Rechtswissenschaftler betrachteten den Begriff oftmals rein juristisch, dabei sei er zur Voraussetzung des Rechts geworden, wie etwa im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Die EU-Grundrechtecharta habe sich ebenfalls daran orientiert. Menschenwürde und Menschenrechte seien 1989 ein wesentlicher Impuls für die Freiheitsbewegung in Mittel- und Osteuropa gewesen, wobei Gabriel kritisch anmerkte, daß man in der Folgezeit die reinen Freiheitsrechte vielleicht etwas überbetont und die sozialen Rechte eher vernachlässigt habe. 
Der Augsburger Europa- und Verfassungsrechtler Dr. Dirk Voß, internationaler Vizepräsident der Paneuropa-Union, nahm Bezug auf die EU-Grundrechtecharta, die vor 25 Jahren entstanden sei, mit der Präambel „In dem Bewußtsein ihres geistig-religiösen und sittlichen Erbes gründet sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität.“ Nun komme es darauf an, dieses Gedankengut auch umzusetzen und sich gegen eine Umwertung der Werte, wie sie schon Nietzsche und die Nationalsozialisten propagiert hätten, zu wehren. Als Beispiele für  unveräußerliche Werte, die man klar und kompromißlos vertreten müsse, nannte Voß den Lebensschutz – also auch den des ungeborenen Menschen – und das christliche Familienbild.  
Prof. Michael Hochgeschwender vom Amerika-Institut der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität befaßte sich mit der Frage „EU und USA – zerbricht die Wertegemeinschaft des Westens?“ Die Vereinigten Staaten seien zu Beginn ihrer Geschichte zwar eine Republik, aber keine Demokratie gewesen. So habe es bis ins 19. Jahrhundert hinein dort ein Zensuswahlrecht gegeben, sie hätten allerdings von Anfang an die Volkssouveränität zum staatstragenden Prinzip erklärt. Bis heute hätten viele Amerikaner ein sehr positives Verhältnis zur Nation, aber ein sehr kritisches zum Staat. Dieser nehme wiederum seine Aufgaben oftmals recht brutal wahr, zum Beispiel in der Armee. Der Soldat werde dort bewußt gebrochen, um ihn dann neu aufzubauen. Hochgeschwender analysierte  die zwar in der amerikanischen Geschichte wurzelnden, aber jetzt in der Ära Trump stark um sich greifenden evangelikalen Strömungen sowie die spezielle Prägung der katholischen Kirche in den USA. Befragt, ob er glaube, daß die demokratische Regierungsform die Präsidentschaft von Donald Trump überlebe, antwortete er mit einem klaren Ja und verwies auf historische Beispiele von autoritären Präsidenten, die insbesondere durch die Bundesstaaten gebremst oder gestoppt worden seien.
Beim Bühnengespräch im Klostergasthof plädierte der Präsident des Verbandes der Reservisten der Bundeswehr, Prof. Patrick Sensburg, klar für den Aufbau einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft.  Als Weg dazu nannte Sensburg die vom Europäischen Parlament geforderte Einberufung eines EU-Konvents, der entsprechende Vorschläge ausarbeitet. Dies sei auch ganz im Sinne der Bundeswehr, die er als international und europäisch erfahrene Armee mit vielen Vernetzungen, wie dem Deutsch-Niederländischen Korps oder der Deutsch-Französischen Brigade, charakterisierte. Der Reservisten-Präsident zeigte sich beeindruckt von der Tapferkeit des ukrainischen Volkes, das aktuell nicht nur sich selbst, sondern Europa schütze. Außerdem könne Deutschland vom politischen Realismus der östlichen EU-Mitgliedstaaten sehr viel lernen. 
Pater Valentin Ziegler als Vertreter des Klosters legte den Teilnehmern aus 14 Ländern für ihr „anspruchsvolles Nachdenken über die Werte, die Europa ausmachen“, die Discretio, die Unterscheidung der Geister ans Herz. Anhand des Europapatrons Benedikt und der Heiligen Hedwig von Andechs verdeutlichte er den Wert des Menschen als Subjekt, als je eigene Person. „Das ist eine unendliche Würde, die wir zugesprochen bekommen haben, egal wie es auf der Welt aussieht.“
Den Gottesdienst in der Andechser Wallfahrtskirche zu Ehren der Heiligen Hedwig zelebrierte Pater Cyrill Schäfer OSB, der Leiter des EOS-Verlages der Erzabtei St. Ottilien. In seiner Predigt wies er darauf hin, daß Jesus in seinen Gleichnissen immer wieder Wert darauf lege, „daß Christen nicht nur fromm, sondern auch klug sein sollten.“ Ausgehend vom Gleichnis von der Witwe und dem ungerechten Richter arbeitete er wesentliche Grundhaltungen für alle aus, die aus einer Position der Schwäche für eine Änderung der Umstände zum Besseren eintreten und sich nicht einschüchtern lassen.
Die abschließende Podiumsdiskussion zum Thema „das geistig-religiöse Erbe der EU – Ferment für die pluralistische Demokratie?“ moderierte Raphael Wegner, Bundesvorstandsmitglied der Paneuropa-Jugend, der zu Beginn die Fragestellung vertiefte, wie das Chris-tentum Nährboden und Orientierung für das Gelingen einer säkularen, multikulturellen Gesellschaft sein könne.
Der Fraktionsvorsitzende der CSU im Bayerischen Landtag, Klaus Holetschek, bezeichnete das Christentum als unverzichtbar für das Demokratieverständnis der Zukunft. Europa dürfe man nicht auf Bürokratie, Verbrennerverbot, Entwaldungsrichtlinie und Lieferkettengesetz reduzieren, sondern müsse sich stärker den geistigen Grundlagen der EU zuwenden. Deren zentraler Inhalt sei die Menschenwürde. Er begrüßte, daß über diese Themen wieder eine breite Debatte entbrannt sei, die vor allem das Lebensrecht des Menschen sowohl an seinem Anfang im Mutterleib als auch an seinem Ende betreffe: „Wir brauchen ein übergreifendes Bündnis  aller demokratischen Kräfte für diese Werte, für Menschenwürde und Freiheit.“ Auch seitens der Kirchen seien Impulse auf diesem Gebiet notwendiger denn je. „Wenn wir klare Positionen nicht vertreten, dann wird sich unsere Gesellschaft in Deutschland und Europa immer weiter auseinander entwickeln“, so Holetschek. Er wünsche sich auch von seiner eigenen Partei eine noch klarere Sprache: „Wir müssen uns etwas trauen und dürfen nicht Angst davor haben, einen Shitstorm zu ernten, wenn man sich zum Glauben bekennt.“ 
Der Geschäftsführer des Bayerischen Bündnisses für Toleranz, Philipp Hildmann, zugleich Mitglied der Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche, erinnerte da-
ran, daß das Chris-tentum bereits in seiner Frühzeit zwei wesentliche Grundlagen geschaffen habe: In einer Welt politischer Religion, wo der Kaiser auch ein Gott war, hätten Christen für ihn gebetet und ihn als Mensch gesehen, der seine Macht vor Gott verantworten müsse. Dadurch hätten sie den Staat entgöttert und in Verantwortung vor einer höheren Macht gestellt. Christus habe zudem den Blick vom antiken Ideal des starken, wohlgestalten, durchsetzungsfähigen Menschen auf den geplagten gebrechlichen Menschen in seiner Schutzgebedürftigkeit gelenkt, woraus nach und nach die Grundidee vom Sozialstaat erwachsen sei. „Wenn diese Grundpfeiler ins Wanken geraten, wird die Welt sehr schnell sehr kalt.“ 
Die langjährige SPD-Landtagsabgeordnete Christa Naaß  erinnerte an  einen Kernsatz des vor 100 Jahren verstorbenen ersten deutschen Reichspräsidenten, Friedrich Ebert: „Demokratie braucht Demokraten.“ Diese müßten aber auch politisch gebildet sein und zur Mitwirkung herangezogen werden. Die SPD habe bei ihrem Heidelberger Parteitag 1925 nicht nur Vereinigte Staaten von Europa gefordert, sondern auch deutlich gemacht, daß zu ihren Wurzeln der jüdisch-christlich geprägte Humanismus und die Aufklärung gehörten. Sie strebe eine Gesellschaft an, die von Miteinander, Toleranz und Vielfalt geprägt sei. Naaß bekannte sich klar zum Christentum und entwickelte daraus ihre Auffassung von den sozialen Menschenrechten. 
Der Augsburger Literaturwissenschaftler Prof. Klaus Wolf als Präsident der Bayerischen Einigung zitierte die Präambel der bayerischen Verfassung, welche „angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen ... geführt hat“ die Menschenwürde besonders hervorhebe. Wolf wies auf den gefährlichen Einfluß hin, den die Linke auf Mädchen und die AfD auf Buben über Tiktok ausübe: „Da herrschen Haß, Hetze und Höcke.“ Bayern habe als Staat  immer eine erfolgreiche Integrationskraft gegenüber Ver-triebenen und Flüchtlingen bewiesen.
Pater Cyrill Schäfer OSB erinnerte daran, daß Traditionen im Weiterreichen transformiert und immer neu erarbeitet werden müßten. Das Christentum als wichtigster Kulturträger müsse für das gemeinsamen Haus Europa auch mit ähnlichen denkenden Gruppen, etwa aus dem muslimischen oder nichtchristlichen Bereich, zusammenarbeiten und von ihnen lernen. Den Nationalismus bezeichnete der Benediktiner als „Sündenfall des 19. Jahrhunderts.“