Sigmund Freud an Richard Coudenhove-Kalergi: "Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt"

06.05.2026

von Monika Pessler, Direktorin des Sigmund Freud Museums in Wien


Wien, Berggasse 19, 2026 – das Jahr ist noch relativ jung und scheint mir doch schon verbraucht: täglich informieren negative Schlagzeilen im Stakkato über autokratische Regierungspraktiken, Krieg und Erpressung. Rechtsstaatlichkeit und Demokratie geraten aufgrund der ausufernden Geltungsansprüche rivalisierender Weltmächte unter Druck, die ihre Eigeninteressen zu Lasten des globalen Friedens und Gemeinwohls skrupellos verfolgen – unser Wertesystem läuft in Gefahr, vor unser aller Augen veruntreut zu werden.

Richard Coudenhove-Kalergi, Begründer der Paneuropa-Union
Richard Coudenhove-Kalergi, Begründer der Paneuropa-Union © PD-Archiv

Die Zuspitzung dieser Verhältnisse veranlaßt mich nun, Ihnen endlich von einem Fund zu berichten, der erstaunt und betroffen macht angesichts der Synchronizität der Ereignisse: dem Auftauchen eines außergewöhnlichen Briefes von Sigmund Freud an Richard Coudenhove-Kalergi, den Begründer der Paneuropa-Union, von 1929 und der aktuellen gesellschaftlichen Polarisierung in und außerhalb der Europäischen Union, die mehr denn je um ihre Selbstbestimmung ringt. 
Am Anfang der Entdeckungsgeschichte des brisanten Briefes steht ein Hinweis von Bernd Posselt, dem Präsidenten der Paneu-ropa-Union Deutschland. Der Journalist und ehemalige EU-Parlamentarier erinnert sich, von einem Freud-Brief an Coudenhove-Kalergi gelesen zu haben. Ich war erstaunt, denn von einem solchen wußte ich nichts, auch meine Nachfragen bei Freud-Experten sollten ergebnislos verlaufen. Nicht so Bernd Posselts Recherche, sein Gedächtnis erweist sich als untrüglich: Mit Unterstützung des Historikers Martin Posselt und des Journalisten Stephan Baier wird es möglich, besagtes Schreiben aufzuspüren. Daß dieser Brief noch existiert, ist einer Reihe glücklicher Fügungen unter schrecklichen Umständen zu verdanken: In der Nacht zum 12. März 1938, nur wenige Stunden nach Österreichs Kapitulation vor den Nationalsozialisten, gelingt es Coudenhove-Kalergi und seiner jüdischen Frau Ida Roland vor Hitlers Schergen zu fliehen. Unmittelbar danach versiegelt die Gestapo die Privatwohnung im Heiligenkreuzer Hof in Wien, ebenso wie das Paneuropa-Büro in der Hofburg – alle privaten sowie beruflichen Dokumente werden beschlagnahmt und großteils vernichtet. Was davon übrig bleibt, gelangt nach dem Krieg über die russischen Besatzer in die Moskauer Archive, womit es bis heute der unabhängigen Geschichtsaufarbeitung weitgehend entzogen wird. Wenige Stücke aus Coudenhoves Besitz, darunter vermutlich auch Freuds Brief, werden dank des mutigen Einsatzes von loyalen in Wien verbliebenen Angestellten für die Nachwelt gerettet. Nur deshalb ist es mir möglich, Ihnen dieses Schreiben (in: Archives Cantonales Vaudoises (ACV): CH ACV PP 1000/2, env. 4.), das unvermutete Hinweise auf Freuds persönliche Anteilnahme an den politischen Umbrüchen seiner Zeit birgt, vorzustellen. Führen wir uns seine inhaltlichen Dimensionen vor Augen, so erscheint uns Freuds Mitteilung an den Pionier der Einigungsbewegung Paneuropa besonders gegenwartsnah – aber lesen Sie selbst:

PROF. Dr. FREUD
WIEN, IX, BERGGASSE 19
1. Nov. 1929

Verehrter Herr

halten Sie es für wahrscheinlich, daß ich einen von Ihnen ausgesprochenen Wunsch nicht erfülle, wenn ich es kann – und es mich so wenig Opfer kostet?

Ihre Idee eines geeinten Europa hat mir nicht mehr Ruhe gelassen, seitdem ich zuerst von ihr gehört habe,
ganz abgesehen von meiner Sicherheit, daß ich ihre Verwirklichung nicht erleben werde und meine Zweifel, ob ein anderer der gegenwärtigen Erdbewohner es damit besser haben wird.

Oft, wenn ich an Sie denke, kom[m]en mir die Worte der Manto aus der klassischen Walpurgisnacht in den Sinn:
„Den lieb ich, der Unmögliches begehrt.“
Aber das eignet sich nicht zur Propaganda und für die tauge ich doch überhaupt nicht.

Wenn Sie meine nächste Broschüre, „Das Unbehagen in der Kultur“ lesen werden, nehmen Sie an, daß die Erwartung, in die der letzte Satz ausklingt, sich auf Ihr Paneuropa bezieht.

In herzlicher Ergebenheit
                Ihr Freud


Coudenhove muß sich mit der Lektüre des Textes, auf den Freud verweist, gedulden: dieser wird erst im Jänner des darauffolgenden Jahres veröffentlicht – uns hingegen ist es ein Leichtes, des Rätsels Lösung in der ersten Fassung des „Unbehagens in der Kultur“ von 1930 nachzuschlagen: „[…] Und nun ist zu erwarten, daß die andere der beiden ‚himmlischen Mächte‘, der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner zu behaupten.“ 

Über den „unsterblichen Gegner“ von Eros, dem Lebens- und Liebestrieb, geben die vorangehenden Zeilen Aufschluß, die Coudenhove sicherlich auch interessieren: „[…] Die Schicksalsfrage der Menschheit scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Zerstörungstrieb Herr zu werden. In diesem Bezug verdient vielleicht gerade die gegenwärtige Zeit ein besonderes Interesse. Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte soweit gebracht, daß sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut Stück ihrer gegenwärtigen Unruhe, ihres Unglücks, ihrer Angststimmung. […]“ 

Die analytische Behandlung der „Schicksalsfrage“ scheint in verblüffender Hellsichtigkeit auch unsere gegenwärtigen Zustände zu beschreiben. Zugleich knüpft sie an Coudenhoves zeitgenössische Argumentation an, die schon ab Mitte der 1920er Jahre auf dem politischen Parkett verhandelt wird: „Europa stirbt nicht an Altersschwäche, sondern daran, daß seine Bewohner einander mit den Mitteln moderner Technik totschlagen und zugrunde richten. […] Nicht die Völker Europas sind senil − sondern nur ihr politisches System.“ Damit erklärt der Pan-Europäer dem vorherrschenden „Kulturpessimismus“ eine klare Absage, meint Martin Posselt (in: Ein Parlament für Europa. Richard Coudenhove-Kalergi, Paneuropa und die westliche Demokratie 1922-1952). Anders als Freud, der schon die nächste Auflage des Unbehagen-Textes nutzt, um seinem Kulturzweifel Nachdruck zu verleihen, indem er dem bisherigen Schlußsatz einen neuen folgen läßt: „Aber wer kann den Erfolg und Ausgang voraussehen?“ 

Diese Ergänzung in Form einer Frage irritiert uns Leserinnen und Leser, die wir in einer für Freud typischen Weise direkt angesprochen werden. Scheint im Jahr zuvor die Hoffnung auf positive Entwicklungen noch berechtigt, so wird sie schon in der nächsten Textfassung 1931 relativiert: Ob Eros, jener Menschentrieb, „der alles Lebende erhält und zu immer größeren Einheiten zusammenzufaßt“, den Kräften des Destruktionstriebes, Thanatos, standhalten wird, bleibt nun im tatsächlichen Sinn des Wortes fraglich.

Die Funktionen von Kultur, wobei Freud zwischen diesem Begriff und jenem der „Zivilisation“ nicht unterscheidet, bilden im „Unbehagen“ das Kernstück der Auseinandersetzung. Dabei unterstreicht der Analytiker Freud die Fähigkeit einer Gemeinschaft, die Beziehung der Menschen untereinander zu regeln, als den wesentlichsten Faktor der Kulturentwicklung. Aus seiner Perspektive wird das Verhältnis zwischen den Individuen und ihren Kollektiven von der psychischen Instanz des Über-Ich bestimmt. Als Vertretung gesellschaftlicher Normen veranlaßt es das Ich, von der unmittelbaren Erfüllung subjektiver Triebwünsche abzusehen und sich zu Gunsten der Gesellschaft und ihrer Werte dem „Realitätsprinzip“ zu unterwerfen. Dabei stellt der Akt der „Sublimierung“ sozial inakzeptabler sexueller oder aggressiver Triebregungen einen wirksamen „Abwehrmechanismus“ dar. Dieser kann uns nahezu vergessen machen, meint Freud, um wieviel intensiver die Befriedigung bei Erfüllung „einer wilden, vom Ich ungebändigten Triebregung“ ausfallen könnte. Kultur wird durch die Umschichtung libidinöser Energien so gleichermaßen befördert, wie sie uns Einschränkungen auferlegt. Trotz dieser Schattenseite, die laut Freud den soziokulturellen Kampf aller Individuen und Gesellschaften prägt, beharrt er auf die Notwendigkeit des „Triebverzichts“, um eine funktionierende, sichere und gerechte Lebensgemeinschaft zu erhalten – dies gilt für den Familienverband, größere Gemeinwesen bis hin zur Nation: „Der Kulturmensch hat für ein Stück Glücksmöglichkeit ein Stück Sicherheit eingetauscht.“, konstatiert der Analytiker lapidar.

Bedenken wir die schonungslose Offenheit, mit der Freud seiner Umwelt begegnet, so verwundert uns nicht, daß Stefan Zweig ihn einen „Wahrheitssadisten“ nennt. Dies mag auch der Grund sein, warum Freud sich selbst nicht für geeignet hält, politische Propaganda zu betreiben: „[…] denn für die tauge ich doch überhaupt nicht“. Der Analytiker stellt damit auch klar, daß Hoffnung zu geben nicht sein Metier ist. Für ihn ist der „Wille zur Wahrheit“ (Thomas Mann) erstes Gebot, „eine Vorbedingung der Aufgeschlossenheit für die seelische Naturwissenschaft, die den Namen ‚Psychoanalyse‘ trägt.“ (ebenda). 

Zudem wissen wir Freud in der Ausübung seiner Profession, ob als Analytiker oder Kulturtheoretiker, der Überparteilichkeit verpflichtet. Dies liegt in der Natur seiner Lehre, deren therapeutische Praxis ebenso wie ihre allgemein soziologischen Sichtweisen auf Wertfreiheit beruhen. Doch so wie wir in gegenwärtigen Debatten immer häufiger mit der Frage konfrontiert sind, ob es in Krisen- und Kriegszeiten überhaupt möglich ist oder auch nur vertretbar, neutral bzw. positionslos zu bleiben, so erkennen wir, daß auch Freud mit Blick auf die Conditio Humana die Machtverhältnisse seiner Zeit durchaus einer sachlich kritischen Bewertung unterzieht.

Belegt ist, daß Freuds politische Einstellung, die er weitgehend als Privatsache handhabt, schon vor Ende des Ersten Weltkrieges der Sozialdemokratie zugeneigt ist, wie einige von ihm unterstützte Aufrufe nahelegen. Darunter der Appell, für ein Denkmal von Josef Popper-Lynkeus zu spenden. Diesen unterzeichnen sowohl Freud als auch Coudenhove-Kalergi. Darüber hinaus schreiben beide über den Sozialphilosophen, der ihnen im Besonderen nach der Lektüre seiner Studie über „Die Allgemeine Nährpflicht“ ein Vorbild ist: für Freud ist Popper-Lykeus „ein Denker und Kritiker, zugleich ein gütiger Menschenfreund und Reformer“; für Coudenhove-Kalergi „ein Sozialist aus Individualismus“. Dieses Beispiel verdeutlicht die Schnittmenge des gemeinsamen Interesses unserer Protagonisten: das Humanitäre.

Daß die Individualpsychologie aufgrund des korrelierenden Verhältnisses zwischen Mensch und Gesellschaft schon immer Sozialpsychologie gewesen ist, finden wir nicht nur in Freuds Kulturtheorie bestätigt. Der sich um 1930 verschärfende gesellschaftliche Diskurs fordert ihn auch zu einer offensiveren Auseinandersetzung mit realpolitischen Themen heraus. So unterzieht er die kommunistische Doktrin, die er „für illusorisch erachtet“, einer prägnanten Analyse, ebenso den „Traum einer germanischen Weltherrschaft“, der den Antisemitismus seiner Meinung nach „nicht zufällig und zu seiner Ergänzung“ schürt. 

Jahre später, nach seiner Flucht vor dem NS-Regime im Juni 1938 wird sich Freud noch einmal dezidiert auf Richard und dessen Vater Heinrich Coudenhove-Kalergi beziehen: In „Ein Wort zum Antisemitismus“ erinnert er sich an den Text „Über das Wesen des Antisemitismus“, in dem Heinrich Coudenhove gegen den Antisemitismus, als „Nichtjude“, wie Freud betont, entschieden Partei ergreift: „[…] dieses Buch, […] ist 1901 erschienen und 1929 von seinem Sohn mit einer rühmlichen Einleitung neu veröffentlicht worden. […] Oder irre ich mich überhaupt, gibt es etwas dergleichen nicht und ist das Werk der beiden Coudenhove wirklich ohne jeden Einfluss auf die Zeitgenossen geblieben?“ Wieder beendet Freud seinen Artikel mit einem Fragezeichen – hier, im Londoner Exil und im Rückblick auf den Niedergang Europas, auf Krieg, Vernichtung, Vertreibung und auf das eigene Fluchtschicksal ein schmerzlicher Beleg für die Bewahrheitung all der Befürchtungen, die auch Coudenhoves Denken und das seiner Mitstreiter:innen in den politisch ausschlaggebenden Jahren zwischen 1929 und 1933 antreiben.

Persönlichkeiten aus den Bereichen Kunst und Wissenschaft, darunter Thomas Mann, Stefan Zweig und Albert Einstein, um nur einige zu nennen, sind ebenso Anhänger der pazifistischen Paneuropa-Bewegung wie mit Freud freundschaftlich verbunden:
Im selben Monat, in dem sich Freud über Coudenhoves Paneuropa-Idee so bewegend äußert, erhält er von Thomas Mann einen Sammelband, in dem ein Essay über „Die Stellung Freuds in der modernen Geistesgeschichte“ enthalten ist. In der 1935 verfaßten Nachschrift zu seiner „Selbstdarstellung“ wird er rekapitulieren: „Es war im Jahre 1929, daß Thomas Mann, einer der berufensten Wortführer des deutschen Volkes, mir eine Stellung in der modernen Geistesgeschichte zuwies in ebenso inhaltsvollen wie wohlwollenden Sätzen“, und mit dem Hinweis, daß die Verleihung des Goethe-Preises im darauffolgenden Jahr der Höhepunkt seines „bürgerlichen Lebens“ war, schreibt er: „[…] kurze Zeit nachher hatte sich unser Vaterland verengt und die Nation wollte nichts von uns wissen.“ 1930 hält Mann im Rahmen des Paneuropa-Kongresses in Berlin einen Vortrag über „Europa als Kulturgemeinschaft“, weitere sechs Jahre später spricht der Literatur-Nobelpreisträger über „Freud und die Zukunft“ anläßlich des 80. Geburtstags des Analytikers.

Albert Einstein, seit 1922 Mitglied der Commission pour la Cooperation intellectuelle, korrespondiert 1931/32 auf Initiative des Völkerbundes mit Freud über die Frage „Warum Krieg?“: „Wie lange müssen wir noch warten, bis auch die Anderen Pazifisten sind?“, fragt Freud, „[…] aber vielleicht ist es keine utopische Hoffnung, daß der Einfluss […] der kulturellen Einstellung“ einerseits und die „Angst vor den Wirkungen eines Zukunftskrieges dem Kriegführen in absehbarer Zeit ein Ende setzen wird. Auf welchen Wegen oder Umwegen, können wir nicht erraten. Unterdes dürfen wir uns sagen: Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg“. 

Coudenhove-Kalergi verifiziert schon in seinem Paneuropa-Programm 1924 zwei dringliche Problemstellungen: „Erstere behandelt das Soziale“ und dominiert seiner Meinung nach „mit Recht die öffentliche Diskussion“, wohingegen die „Europäische Frage, die ihr an Bedeutung nicht nachsteht, einfach totgeschwiegen“ werde – er formuliert diese wie folgt: „Kann Europa in seiner politischen und wirtschaftlichen Zersplitterung seinen Frieden und seine Selbständigkeit den wachsenden außereuropäischen Weltmächten gegenüber wahren – oder ist es gezwungen, sich zur Rettung seiner Existenz zu einem Staatenbunde zu organisieren?‘‘ 

Diplomatische Kommunikation und Überzeugungsarbeit stehen für den Politiker und Journalisten ganz im Zeichen seiner transnationalen Weltanschauung, die ihm schon in die Wiege gelegt worden war und die ihren Fokus auf einen dauerhaften Frieden in Europa, auf wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt richtet und die Aufhebung der innereuropäischen Grenzen propagiert, um die Minderheitenfrage zu lösen, denn es gebe nur diesen „einen radikalen Weg“, meint Coudenhove. Mündet die Paneuropa-Bewegung auch erst Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in die Europäische Union, so bescheinigt Thomas Mann dem Visionär schon 1926, daß er diese „mit der klarsten Energie literarisch wie persönlich in die Welt zu tragen und zu propagieren weiß […]“. Beeindruckt von Coudenhoves Auftreten und Geschick fügt er hinzu: „Schließlich, was sollte einem imponieren, wenn nicht dieser vorwegnehmende und nobel-demokratische Spitzentyp einer neuen Gesellschaft, der, von Natur gewohnt, in Erdteilen zu denken, es auf eigene Faust unternimmt, die Welt nach den Einsichten seiner Vernunft zu formen.“

Die Vision von einer friedlichen und offenen Gesellschaft – manche heißen es „Utopie“ – mittels der Vernunft Wirklichkeit werden zu lassen, kennzeichnet Coudenhove-Kalergis Ambitionen ebenso wie Freuds Theorien, denn „wenn vernünftige Motive beim heutigen Menschen auch wenig ausrichten, so gibt es doch keine Instanz über der Vernunft“ (Freud), stellt er in „Die Zukunft einer Illusion“ fest. Wir „mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben, und Recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat. […]  Dies ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf, aber er bedeutet an sich nicht wenig“ (Freud). 

Ist das Postulat der Vernunft für Freud auch ein Leben lang maßgeblich, so eröffnet uns sein Brief von 1929 noch einen anderen Aspekt seiner politischen Teilhabe, der über die rein intellektuelle Reflexion der Zeitphänomene hinausreicht. So erklärt sich der Analytiker nicht nur dazu bereit, Coudenhoves Konzept zu unterstützen. Er gibt auch unumwunden zu, daß die „Idee eines geeinten Europa“ ihn gedanklich so sehr beschäftigt, daß sie ihm „nicht mehr Ruhe“ läßt. Darüber hinaus äußert sich Freud auf eine uns zumindest aus seiner beruflichen Korrespondenz unbekannte, vertrauensvolle und liebenswürdige Weise. Wie Manto, die Seherin in Goethes „Faust, Der Tragödie zweiter Teil“, die Kühnheit des Titelhelden bewundert, so erscheint uns auch Freud in seiner gefühlsbetonten Hinwendung vom unbeirrbaren Sinn und Streben Coudenhoves tief berührt: „Oft, wenn ich an Sie denke, kom[m]en mir die Worte der Manto aus der klassischen Walpurgisnacht in den Sinn: ‚Den lieb ich, der Unmögliches begehrt‘“.

Blicken wir nun zurück auf unsere Gegenwart und das derzeitige Weltgeschehen, entgehen auch wir der Emotion des Bewegt- und Betroffenseins nicht. Wie könnten wir auch die Ängste und Zweifel ignorieren, die sich in Folge von Ignoranz und Herabwürdigung unserer humanitären Grundwerte ausbreiten? Wie der Diffamierung unserer Antwort auf die verheerenden Konsequenzen des letzten Weltkrieges, die 1945 in der Gründung einer internationalen Gerichtsbarkeit gipfelt, um Völker- und Menschenrecht weltweit zu wahren, adäquat begegnen?

Die Frage, wie widerstandslos wir die Entstehung einer Weltordnung, die nur das Recht der Stärkeren kennt, hinnehmen können und wollen, ist überfällig: Siri Hustvedt, amerikanische Philosophin und Schriftstellerin, schreibt im Jänner 2026, daß die Gegenwart niemals mit der Vergangenheit gleichzusetzen sei und doch wichtige Lehren für uns bereithalte. So habe uns die Geschichte auch gelehrt, der Versuchung passiv, zu bleiben nicht nachzugeben. „Widerstand ist entscheidend, aber es ist ebenso entscheidend zu verstehen, wogegen wir Widerstand leisten. Nicht gegen Konservatismus, sondern gegen eine neue Form des Faschismus, der die gesamte Welt betrifft.“ Und im Hinblick auf die Vergangenheit Europas und seine Stellung zwischen den Großmächten USA und Rußland meint sie: „Das Argument für eine Stärkung Europas muß politisch und strategisch sein, vor allem aber muß es ethisch sein“.

Slavoj Žižek spricht im Hinblick auf den Zuwachs rechtsextremer Kräfte in der Welt schon 2019 über die Bedeutung der Idee „Europa“ als einer transnationalen Gemeinschaft, die Kulturstandards wie die Menschenrechte garantiert, und fügt hinzu: „[…] ich bin Kommunist, und Europa ist nicht kommunistisch, aber welche andere politische Kraft kann damit konkurrieren?“ Damit schließt der slowenische Philosoph und Psychoanalytiker als zeitgenössisch relevante Position direkt an Freuds und Coudenhoves überparteiliche Sichtweise an. Heute ruft Žižek zur Schärfung des Profils der liberalen Demokratie Europas auf – in diesem Sinne zur „Radikalisierung“ im Vertrauen in das eigene „emanzipatorische Potential“.

Und Österreichs Bundespräsident Alexander van der Bellen ruft in seiner Neujahrsansprache 2026 zum „Europa-Patriotismus“ auf – ganz im Sinne Coudenhove-Kalergis, der das „paneuropäische Gemeinschaftsgefühl“ dem „europäischen Patriotismus“ gleichsetzt und diese emotionale Verbundenheit geteilter kultureller und politischer Werte als eine „notwendige Ergänzung des Nationalgefühls“ auffaßt. 

Solange Freiheit und Friede in unserem „durch supranationale Demokratie und rechtsstaatliche Integration gestärkte(n) Kern des freien Europa“ (Bernd Posselt)  noch bestehen, muß es für uns unabdingbar sein, der gegenwärtigen Misere in Europa mit offenen Augen und auch mit angemessenem Widerstand zu begegnen. Sigmund Freuds Brief an Richard Coudenhove-Kalergi vom 1. November 1929 mit all seinen Implikationen und das Wissen von uns Danach-Geborenen über den unsäglichen Verlauf der jüngeren europäischen Geschichte kann und sollte uns darin bestärken – meinen Sie nicht?