Paneuropa - die Mutter der Idee des vereinten Europas
Die Geschichte der Paneuropa-Union ist eng mit den Namen von zwei herausragenden Persönlichkeiten verbunden: mit ihrem Gründer Richard Graf Coudenhove Kalergi (1894-1972) und dessen Nachfolger als Internationaler Präsident (bis 2004), Dr. Otto von Habsburg (geb. 1912).

Coudenhove-Kalergi ist der Sohn des österreichischen Diplomaten Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi und der Japanerin Mitsuko Aoyama. Er wächst vielsprachig und multikulturell erzogen auf dem elterlichen Schloss im böhmischen Ronsperg auf. Sein Vaterland ist Europa.

Die Vision eines politisch, wirtschaftlich und militärisch vereinten Europas formuliert Coudenhove erstmals in dem Artikel "Paneuropa-ein Vorschlag", der am 15. November 1922 in der "Vossischen Zeitung" in Berlin, und zwei Tage später in der Wiener "Neuen Freien Presse" erscheint. 1923 schreibt er sein programmatisches Buch "Pan-Europa", das er selbst als Startschuss für eine "große politische Bewegung" bezeichnet. Das Europa der Zwischenkriegszeit sieht Coudenhove vor der Alternative "Zusammenschluss oder Zusammenbruch". Bereits 1923 warnt er eindringlich vor dem "Zukunftskrieg" und vor der Gefahr, dass Europa nach diesem Krieg durch eine künstliche Grenze "in eine sowjetische Kolonie und ein amerikanisches Protektorat geteilt" werde.

Coudenhoves Vorschlag findet schnell Bewunderer und Anhänger in den führenden Kreisen der Intellektuellen, Dichter und Philosophen Europas: Paul Claudel, Paul Valéry, Heinrich und Thomas Mann, Stefan Zweig, Gerhart Hauptmann, Rainer Maria Rilke, Franz Werfel, Arthur Schnitzler, und Sigmund Freud, Albert Einstein, die Philosophen Ortega y Gasset und Salvador de Madariaga sowie der Komponist Richard Strauß unterstützen die Paneuropa-Idee. Der junge Kölner Oberbürgermeister und spätere deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer und der Wiener Student und spätere sozialistische Bundeskanzler Österreichs Bruno Kreisky gehören zu den ersten Mitgliedern. Die Reaktionen der offiziellen Politik fallen jedoch zurückhaltend bis ablehnend aus.

Politische Unterstützung kommt von Österreichs Bundeskanzler Ignaz Seipel, der selbst den Vorsitz des österreichischen Paneuropa-Komitees übernimmt. Den Vorsitz der deutschen Paneuropa-Gruppe übernimmt der sozialdemokratische Reichstagspräsident Paul Loebe. Im gleichen Jahr gelingt es Coudenhove, in Paris den französischen Ministerpräsidenten und Außenminister Edouard Herriot für die Paneuropa-Idee zu gewinnen. In allen Hauptstädten Europas öffnen sich dem jungen Privatmann, der weder über Macht noch über Geld verfügt, die Türen - dank der Anziehungskraft seiner Idee und seiner Persönlichkeit.

1926 wird der erste Paneuropa-Kongress in Wien mit 2000 Teilnehmern aus 24 Nationen zum öffentlichen Durchbruch für die junge Paneuropa-Bewegung und "Paneuropa" wird zum Synonym für die politische Einigung Europas. Coudenhove wird per Akklamation zum ersten Internationalen Präsidenten der Paneuropa-Union gewählt. Europas angesehenster Staatsmann, der französische Außenminister Aristide Briand, wird 1927 Ehrenpräsident der Bewegung. Auf Drängen Coudenhove-Kalergis schlägt Briand am 5. September 1929 in einer Rede vor dem Völkerbund in Genf die Schaffung einer Föderation der europäischen Nationen vor. Die Initiative eines einzelnen Mannes war zu einer realen politischen Option geworden und die Paneuropa-Bewegung zu einem einflussreicher europaweit organisierter Verband.

Doch schon im Oktober 1929 verändert sich die politische Lage dramatisch: Durch den Tod des deutschen Außenministers Gustav Stresemann, der die Briand-Initiative unterstützt hatte, durch die Ablehnung Englands und die Weltwirtschaftskrise. Nach dem Scheitern der Briand-Initiative führt Coudenhove den Kampf weiter - nicht mehr offensiv sondern defensiv gegen die wachsende rote und braune Flut. "Stalin bereitet den Bürgerkrieg vor - Hitler den Völkerkrieg", warnt Coudenhove auf dem 3. Paneuropa-Kongress in Basel 1932. Hitler sieht in Coudenhove und der Paneuropa-Idee einen gefährlichen Gegner. Seine letzte Rede in Deutschland hält Coudenhove am 30. Januar 1933 in Berlin, am gleichen Tag als Hitler zum Reichskanzler ernannt wird. Noch im gleichen Jahr wird in Deutschland die Paneuropa-Literatur verboten und die deutsche Paneuropa-Union aufgelöst. Die deutsche Industrie stoppt ihre finanzielle Unterstützung und schlägt sich auf die Seite Hitlers. Coudenhove verliert auch die Unterstützung der meisten linksintellektuellen Mitstreiter, die ihre Hoffnungen im Kampf gegen Hitler auf die Sowjetunion richten, während die Paneuropa-Union ihre Ablehnung gegenüber dem Kommunismus verschärft. 1938 flieht Coudenhove vor den Nazis zunächst in die Schweiz und 1940 in die USA. Im Exil trifft Coudenhove auf Otto von Habsburg, der von 1940 bis 1944 in Washington lebt.

In den USA entwickelt Coudenhove die Idee einer "Europäischen Verfassungsgebenden Versammlung" für die Zeit nach dem Krieg. Nachdem die Westalliierten es jedoch versäumen, ein Parlament als Grundstein der neuen Ordnung im westlichen Europa einzuberufen und Westeuropa zunächst auf nationalstaatlicher Grundlage zu reorganisieren, 1947 beruft Coudenhove im schweizerischen Gstaad den ersten Kongress der Europäischen Parlamentarier-Union ein, die erreicht, dass der 1949 gegründete Europa-Rat nicht nur aus einem Ministerrat besteht sondern als zweites Organ eine Beratende Parlamentarische Versammlung erhält. Damit beginnt die Geschichte des europäischen Parlamentarismus.

1950 verleiht die Stadt Aachen dem Vater der Paneuropa-Idee ihren ersten Internationalen Karlspreis. Die Europäische Parlamentarier-Union wird kurz darauf mit der von Winston Churchills Schwiegersohn Duncan Sandys gegründeten Europäischen Bewegung verschmolzen. Die Europäische Bewegung wählt Coudenhove-Kalergi zu ihrem Ehrenpräsidenten, als einzigen Privatmann neben Politikern wie Konrad Adenauer, Winston Churchill, Alcide de Gasperi, Robert Schuman und Henry Spaak.

Coudenhove konzentriert sich auf die Wiederbelebung der Paneuropa-Union als politische Avantgarde europäischer Patrioten. Beim 6. Internationalen Paneuropa-Kongress in Baden-Baden im Jahre 1954 wird die Neukonstituierung vollzogen. Obwohl die Paneuropa-Union in den fünfziger Jahren die 1957 geschlossenen Römischen Verträge zur Gründung der EWG und von Euratom als wichtigen Schritt zur Realisierung Paneuropas begrüßt, warnen Coudenhove und seine Mitarbeiter vor einer einseitig wirtschaftspolitischen Orientierung des europäischen Zusammenschlusses.

Beim 8. Paneuropa-Kongress in Bad Ragaz wird Otto von Habsburg in den Zentralrat der Paneuropa-Union gewählt und bald darauf als Vizepräsident von Coudenhove-Kalergi selbst zum späteren Nachfolger im Amt des Präsidenten vorgeschlagen.

Über der Frage, ob der Plan des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle und des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer für einen europäischen Staatenbund, der sogenannte Fouchet-Plan, den europäischen Bundesstaat vorbereitet oder verhindert, spalten sich die Europa-Bewegungen. Die Paneuropa-Union stellt sich 1960 bei ihrem 9. internationalen Kongress in Nizza eindeutig auf die Seite de Gaulles, der bereits seit 1941 der Paneuropa-Idee Coudenhoves verbunden ist. Über de Gaulles Europa-Politik kommt es schließlich zum Bruch zwischen der Paneuropa-Bewegung und der Europa-Union. An der symbolträchtigen deutsch-französischen Versöhnungsfeier, zu der Konrad Adenauer und Charles de Gaulle 1962 in Reims zusammenkommen, nimmt Coudenhove-Kalergi als Gast des Generals teil.

In Frankreich erlangt die Paneuropa-Union, die auf Initiative des Staatspräsidenten selbst von Louis Terrenoire, einem aktiven Mitglied der Résistance, Abgeordneten der Nationalversammlung und späteren de Gaulle-Minister, sowie dem späteren Staatspräsidenten Georges Pompidou gegründet wird, hohes Ansehen und politischen Einfluss. Unter dem internationalen Generalsekretär Vittorio Pons, der Coudenhove-Kalergi im politischen Tagesgeschäft unterstützt, breitet sich die Paneuropa-Union in allen Ländern Westeuropas aus.

Am 27. Juli 1972 stirbt Coudenhove-Kalergi in Vorarlberg.

Otto von Habsburg wird auf Vorschlag des französischen Staatspräsidenten George Pompidou 1973 zum Internationalen Präsidenten der Paneuropa-Union gewählt und setzt der Bewegung neue Ziele: Die Idee der Befreiung Mittel- und Osteuropas von der kommunistischen Unterdrückung - als Vorbedingung einer wirklichen europäischen Einigung im Sinne Gesamteuropas - und die Verteidigung der christlichen Werte und des christlichen Menschenbildes in einer zunehmend materialistischen Zeit. Die Straßburger Grundsatzerklärung vom 11./12. Mai 1973 formuliert die Ziele der Paneuropa-Union, die fast zwei Jahrzehnte, bis zum Sieg der Freiheit in Mitteleuropa Gültigkeit behalten. Otto von Habsburg richtet die Paneuropa-Union wieder als europaweite Breitenbewegung aus. Neben der französischen, der belgischen oder luxemburgischen Sektion spielen die Paneuropa-Bewegung Österreich und die Paneuropa-Union Deutschland an der Schnittstelle des Eisernen Vorhangs eine immer größere Rolle. Ab 1975 entstehen unter Führung von Walburga von Habsburg und dem späteren Europa-Abgeordneten Bernd Posselt in Deutschland, Österreich, Spanien, Italien und Belgien zahlreiche Paneuropa-Jugend-Organisationen.

Die ersten Direktwahlen zum Europäischen Parlament nutzt die Paneuropa-Union zu einer internationalen Kampagne für ein christlich geprägtes politisch und militärisch geeintes, starkes Europa. Zahlreiche führende Paneuropäer, an ihrer Spitze Otto von Habsburg, ziehen in das neugewählte Europäische Parlament in Straßburg ein. Dessen Alterpräsidentin und Paneuropäerin, die französische Schriftstellerin Louise Weiss, begrüßt Otto von Habsburg in ihrer Eröffnungsrede als den Nachfolger Richard Coudenhove-Kalergis.

Gleichzeitig verstärkt die Paneuropa-Union unter Führung von Bernd Posselt und Walburga von Habsburg als Sonderbeauftragte des Internationalen Präsidiums die Arbeit jenseits des Eisernen Vorhangs und knüpft Kontakte zu Bürgerrechtsorganisationen wie der Gewerkschaft Solidarnosc oder der "Charta 77"und kirchlichen Institutionen in Polen, Ungarn, im damaligen Jugoslawien und der Tschechoslowakei sowie im Baltikum. Die paneuropäische Untergrundarbeit erhält starken Auftrieb durch die Unterstützung des polnischen Papstes Johannes Paul II. und des Augsburger Bischofs Josef Stimpfle, die der Paneuropa-Bewegung zeitlebens verbunden sind. Am 24. November 1986 rufen der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl und die Paneuropa-Union in einer gemeinsamen Erklärung zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas auf. Beim "Paneuropäischen Picknick" im August 1989 an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Sopron/Ödenburg reisst erstmals ein Loch in den Eisernen Vorhangs und über 650 Deutsche aus der "DDR" gelangen in den Westen. Massendemonstrationen in der "DDR" und Generalstreiks in anderen mitteleuropäischen Ländern folgen und mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime im Herbst und Winter 1989 rückt das Ziel eines wiedervereinten Paneuropas in greifbare Nähe. Mitteleuropäische Spitzenpolitiker wie Vaclav Havel in der Tschechischen Republik, Vitautas Landsbergis in Litauen oder France Bucar in Slowenien unterstützen die Paneuropa-Arbeit in ihren Ländern und nehmen teilweise führende Funktionen wahr. In allen Ländern Mittel- und Osteuropas entstehen Paneuropa-Organisationen. Im Dezember 1990 tagt die Internationale Generalversammlung der Paneuropa-Union in Prag erstmals wieder in einem Land des ehemaligen Ostblocks. Die Paneuropa-Union setzt sich aktiv für einen schnellen Beitritt der befreiten Länder Mittel- und Osteuropas zur Europäischen Union ein, der am 1. Mai 2004 mit dem Beitritt Polens, Ungarns, Tschechiens, der Slowakei, Estlands, Lettlands, Litauens und Sloweniens in einer ersten Phase Wirklichkeit wird. Die Paneuropa-Union setzt sich darüber hinaus aktiv für den Beitritt Rumäniens, Bulgariens, der zum 1. Januar 2007 erfolgt, sowie für den schnellen Beitritts Kroatiens und Makedoniens zur Europäischen Union ein. Für den Konvent zur Ausarbeitung eines Europäischen Verfassungsvertrages übergibt die Paneuropa-Union dem Präsidenten des Konvents, Valéry Giscard d'Estaing konkrete Vorschläge, die zum größten Teil Eingang in den Vertragstext der Europäischen Verfassung finden. Im Dezember 2004 zieht sich Otto von Habsburg im 92. Lebensjahr als Internationaler Präsident der Paneuropa-Union zurück und schlägt als seinen Nachfolger den französischen Europapolitiker Alain Terrenoire vor, der von den in Straßburg versammelten Delegierten aus über 20 Paneuropa-Mitgliedsorganisationen einstimmig gewählt wird. Otto von Habsburg wird internationaler Ehrenpräsident der Bewegung, die er über drei Jahrzehnte geführt hat. Alain Terrenoire, der dritte Präsident der Paneuropa-Union in ihrer Geschichte, setzt der Bewegung für die Zukunft erneut ehrgeizige Ziele: Die Vollendung der geographischen und politischen Einigung ganz Europas in der Europäischen Union und deren Entwicklung zu einer international handlungsfähigen und starken Supermacht des Friedens.

Mitglieder der Paneuropa-Union sind heute Menschen aus allen Altersgruppen und sozialen Schichten, die sich für ein politisch, wirtschaftlich und militärisch geeintes Europa als Gemeinschaft des Rechts, des Friedens der Freiheit und der christlichen Werte einsetzen. Die Paneuropa-Union fordert die politische Integration Europas auf den Gebieten der inneren und äußeren Sicherheit, der Technologie und der Forschung und einen umfassenden europäischen Verfassungsvertrag für die Europäische Union. Sie engagiert sich für eine eigenständige europäische Verteidigung in Partnerschaft mit der NATO. Angesichts fortschreitender Globalisierung tritt die Paneuropa-Union für ein gemeinschaftliches und selbstbewusstes Handeln der Europäischen Union in der internationalen Politik ein.

Die Paneuropäische Parlamentariergruppe im Europäischen Parlament unter Leitung des österreichischen Europaabgeordneten Dr. Paul Rübig zählt über 120 Abgeordnete aus fast allen Mitgliedsstaaten der EU und versammelt sich regelmäßig während der Sitzungsperioden des Parlaments in Straßburg.
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